Von Eleonore Büning
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Die Festival-Akademie Kammermusik des Heidelberger Frühlings lädt zur Abschlussrunde ein: Als Finale einer Woche voller Arbeit, Ehrgeiz und Diskussionen gibt es ein Konzertmarathon in der Stadthalle, Staffel eins bis drei, insgesamt dauert es mehr als fünf Stunden. Stand bei der intensiven Ensemblearbeit eher das Miteinander-Musizieren im Mittelpunkt, so ging es diesmal darum, schnellstmöglich ein Programm auf die Beine zu stellen, Überforderung inbegriffen, die Probenzeit ist superknapp. Dafür haben die Musiker jetzt Freiheit und Chance, individuell zu zeigen, was sie können. Drei Kritiker der Musikjournalisten-Akademie machten das Marathon mit.

 

Startschuss mit Angelo de Leo an der Geige und Frank Dupree am Klavier. Introduktion und Rondo Capriccioso von Camille Saint-Saëns, herrlich romantisch, glitschig und süß. Dupree spielt zurückhaltend, was den virtuosen Violinpassagen dazu verhilft, das Publikum in Staunen zu versetzen. Eine Punktlandung.

György Ligetis Sonate für Bratsche ist ein Traum. Georgy Kovalev streicht die Saiten so fokussiert, als wäre diese eine meditative Handlung, er gräbt sich tief hinein ins Tonmaterial der Komposition. Den sechsten Satz dehnt er bis an die Grenzen des Hörbaren aus. Danke für diese Entschleunigung! Die Sonate Nr. 1 op. 120,1 von Johannes Brahms führt zurück in die Romantik. Ihr Violaspiel scheint Hiyoli Togawa minutiös durchgeplant zu haben. Dupree am Klavier ist ihr Impulsgeber. Phrasen findet man nicht. Das Stück verändert sich stetig, vibriert vor Spannung. Und abermals Ligeti, diesmal mit der Cellistin Ildikó Szabó. Sie berührt und bezaubert mit körperlosem Ton, mit ihrer starken Aura und einem unglaublichen Gespür für die Dimension des Raums.

Kurz vor der Pause spielen Simone Drescher am Violoncello und Frank Dupree am Klavier die „Pampeana Nr. 2“ von Alberto Ginastera. Das Stück ist ein Mix aus allem, die Interpretation anrührend, mit perfekt herausgearbeiteten Brüchen.

von Christopher Warmuth

 

Er stellt sein Licht ein wenig unter den Scheffel: Isang Enders, der in den letzten Tagen bei den Konzerten der Akademie mit dem vollen, warmen Klang seines Cellos begeisterte, spielt in der späten D-Dur-Sonate op.102,2 von Ludwig van Beethoven zurückhaltend, fast schüchtern. Matan Porat dagegen kehrt den stürmischen Beethoven heraus, er drängt hitzköpfig vorwärts. So entsteht ein Wettbewerb zweier ganz eigener Charaktere, das Werk bleibt dabei auf der Strecke.

Mit allen kammermusikalischen Tugenden gekrönt dagegen das Beethovensche Streichtrio c-moll, op 9,3:  Marc Bouchkov an der Violine und Georgy Kovalev an der Viola spielen wie aus einem Atem, Enders fügt sich mit seinem Cello-Part feurig ins Klangbild ein, meisterhaft!

Schließlich treten die Pianisten Frederic Rzewski und Igor Levit gemeinsam auf. In Morton Feldmans „Piano Four Hands“ tupfen sie abwechselnd Töne ins Klavier, nur manchmal schimmert eine kleine, abgebrochene Melodiefolge durch. In den folgenden vierhändigen Scherz-Variationen, einer gemeinschaftlichen russischen Konservatoriumsarbeit von Balakirev & Co, spielt Rzewski eine penetrant wiederholte Kindermelodie im Diskant, Levit fügt virtuoses Getümmel im tiefen Register hinzu, beide haben Spaß miteinander, das Publikum weniger. Guter Witz, zig-mal erzählt. Schließlich erklärt und wiederholt Rzewski sein Klavierstück „A Mensch“ aus „Dreams I“, vom Vorabend, als Zugabe: Es wirkt intim und verletzlich.

von Malte Hemmerich

 

Franz Schuberts Streichquintett C-Dur D 956 tastet sich vorsichtig in den Raum. Eine Sternstunde für den Geiger Marc Bouchkov, der mit Silberklang und virtuoser Spielfreude das Publikum hinreißt. Als zweiter Geiger steuert Albrecht Menzel eine Portion Romantik bei, Theresa Kling tritt als Grande Dame auf, und Simon Eberle sowie Charles-Antoine Duflot fügen sich im Cello-Duett zu einem beseelten Klangbild.

Vor dem letzten Stück betritt Igor Levit, künstlerischer Leiter der Akademie, noch einmal die Bühne. „Jetzt gibt’s noch ein bisschen Dvořák“, grinst er. Aber was für einen! Im ersten Satz des Klavierquintetts Nr. 2 A-Dur op.81 rauscht eine wahre Musikwoge von der Bühne in den Saal. Sie bricht sich und gibt den Streichern Bouchkov, Menzel und Charles-Antoine Duflot am Violoncello Raum für ausdrucksstarke Melodien. Levit lässt am Klavier sprühende Gischt-Arpeggien schaumkronengleich über die Wogen tanzen. Heimliche Hauptfigur ist Hiyoli Togawa. Mit brillantem Ton singt sie auf ihrer Bratsche schwärmerische  Sirenenrufe. Ein Fest!

Der Marathon-Abend bereitete der Kammermusik-Akademie ein strahlendes Finale. In der kurzen, intensiven Zeitspanne, die vorausging, hatten die Stipendiaten nicht nur musikalisch viel gelernt, sie hatten auch Gelegenheit zu streiten. Der Heidelberger Frühling dauert noch bis zum 26. April. Wird es die Akademie nächstes Jahr wieder geben? Igor Levit zitiert dazu den Intendanten Thorsten Schmidt: „Solange wir uns nicht auf die Nerven gehen. Und wenn doch, machen wir es trotzdem.“

von Adele Jakumeit

 

 

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