Von Teresa Roelcke
Posted: Updated:
0 Kommentare

Am Anfang muss Salome Kammer ein bisschen improvisieren. Ihr Headset ist nicht eingeschaltet, und so tänzelt sie während des ersten Chansons zum Bühnenrand, um dort von einem Techniker das Mikrofon anknipsen zu lassen. Ein Lied mit Bruch: Erik Saties „Je te veux“, anfangs kaum, dann plötzlich in der ganzen Halle02 hörbar. Musikalisches Cabaret erfordert elektronische Verstärkung, auch wenn Kammer den Saal aus eigener Kraft mit ihrer Stimme füllen könnte, als eine Sängerin mit großem Repertoire und Renommee, auch in der Neuen Musik.

Im Rahmen des Heidelberger Frühlings präsentierte sie klassische französische und deutsche Chansons, darunter ein von Friedrich Hollaender vertontes Tucholsky-Gedicht. Es ist aus der Perspektive einer Frau geschrieben, die Anlass dazu hätte, sich gegen Beschimpfungen ihres Lebenspartners sowie gegen allerlei andere Angriffe zu wehren, die sich stattdessen aber für „Liebenswürdigkeit“ entscheidet. Im bitteren Kontrast zu der sich vorher anbahnenden Aggression umgarnt sie flirtend denjenigen, der sie zuvor gedemütigt hat: „Ach, lege deine Wange doch mal an meine Wange…“ Der Grimm und die gepresste Süßlichkeit dieser Figur hätte man bei Kammers Gesang sogar ohne den Text verstanden. Sie verkörpert all diese Haltungen in ihrem Gesang. Nicht auf Volumen oder Brillanz kommt es dabei an, sondern darauf, die Texte so zu interpretieren, dass die Erfahrungen der dargestellten Figur an Fahrt aufnehmen, dergestalt, dass sich die Worte von allein zu einer Melodie erheben, gleich einem Flugzeug, das durch die natürlichen Gesetze der Beschleunigung irgendwann abhebt. Im nächsten Song schon verwandelt sich Kammer in einen komplett anderen Charakter: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, ebenfalls von Hollaender, singt sie völlig unprätentiös, mit vor Unschuld dünner Stimme.

Begleitet wurde Salome Kammer souverän und mit sichtbarem Vergnügen von dem aus Esther Schöpf (Violine), Maria Reiter (Akkordeon), Peter Bachmann (Violoncello) und Philipp Stubenrauch (Kontrabass) bestehenden Ensemble NonSordino und dem Pianisten Rudi Spring. Das einzige Instrumentalstück des Abends, Astor Piazzollas „Le Grand Tango“, hätte etwas radikaler sein können. Die fragilen Stellen wurden eher zupackend interpretiert, die brutalen hingegen durch eine eher sportliche Herangehensweise entschärft. Die Begleitung der Chansons geriet präzise und lässig. Und in den Instrumentalparts von Kurt Weills „Youkali“, in den sich ebenfalls Tangorhythmen eingeschlichen hatten, gelangen die Kontraste von kitschig schmelzender Geigensüße und martialisch schnalzenden Pizzicati sehr gut.

 

Salome Kammer2_ Foto studio visuell photography

 

Den Höhepunkt des Abends markierte ein weiterer Brecht-Weill-Song, der „Surabaya-Johnny“. Wiederum stark: die ambivalente Spannung, diesmal in der enttäuschten Liebe der Hauptfigur begründet. Aus Salome Kammer sprudelte ein Hass, der glaubhaft machte, sie wolle gleich dem untreuen Ganoven an die Gurgel gehen. Im nächsten Moment kippte der Hass in eine verzweifelte, verletzliche Zärtlichkeit um; Kammer, fast weinend, sang: „Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund!“ Die deutschsprachigen Songs gelangen Salome Kammer herausragend gut. Die französischen Texte, die vor allem in der zweiten Konzerthälfte auf dem Programm standen, lagen ihr nicht ganz so sehr. Hier wurden keine Charaktere mehr lebendig, wie anfangs. Das war schade, weil auf einmal alle anregenden Ambivalenzen, die es etwa in dem Tucholsky-Song gegeben hatte, ausgebügelt waren und das Programm sich in ein nostalgisches Ausgraben von Chansons zum Hineinträumen verwandelte. Dazu passte, dass Kammer zum Ende von „La Vie en Rose“ in die deutsche Übersetzung wechselte, mit einem kindlich-französischem Akzent, von der Bühne stieg und sich von einem älteren Herrn die Hand küssen ließ. Dann vollführten die beiden ein paar Tanzschritte im Mittelgang des Parketts. Als Kommentar zu diesem final präsentierten Frauenbild hätte man gerne noch mal „…lege deine Wange an meine Wange“ gehört.

 

 

Ähnliche Beiträge

Schubert trifft auf Messiaen beim „Standpunkte“-Konzert mit Markus Hinterhäuser, Igor Levit und dem...

Anne Cartel über Thierry Pecous Kompositionen.

Igor Levit stellt erstmals die „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson vor