Von Christopher Warmuth
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Der Heidelberger Frühling veranstaltet jetzt schon zum dritten Mal eine „music conference“. Es ist deprimierend! Es ist nicht auszuhalten! Ein skeptischer Blick auf das, was kommt.

 

Überall sprießen neue Festivals aus dem Boden. Wir leben in der reichen Hälfte der Welt, Festivals sind kein Luxusgut. Berühmt die alten, dicken Baumstämme, Festspiele der Superlative, Salzburg, Bayreuth, Bregenz oder, neueren Datums, die Ruhrtriennale. Diese Kolosse werden an der Rinde von Parasiten benagt, im Inneren transportiert man vorwiegend Leichtes, oft Nährstoffarmes. Kleinere Pflänzchen im Eventgarten sind noch jung und frech, zum Beispiel das „Podium Festival“ in Esslingen, wo man die Klassik neu erfinden will. Es gibt keine Programmhefte, Flyer nur im Hipster-Look, was gespielt wird, bleibt bis zum ersten Ton geheim.

 

 

Aber was ist mit den mittelgroßen Festivals, in Herne, in Leipzig oder Dresden, in Schwetzingen, Ludwigsburg oder Heidelberg? Schwetzingen und Heidelberg liegen so nahe beieinander, dass es knirscht in der hart umkämpften Festivalsaison. Diesen Konflikt sollte man nicht hinter der Hand wegtuscheln, er sollte reflektiert, moderiert und ausgehalten werden.

Stattdessen wird zwischen den feindlichen Brüdern nicht um Inhalte gekämpft, es werden Kassandrarufe nachgeplappert. Die Klassik sei doch in der Krise! Das Klassikpublikum stirbt aus! Und alle Kulturbetriebsangehörigen faseln mit. Dabei ist die Lage nicht hoffnungslos und sehr viel komplexer, als dass sie bei einem Lunch oder Branchentreff abgehandelt werden könnte. Festivals werden trotz Krisen weiter bestehen, Opernhäuser wurden bislang auch noch nicht in die Luft gesprengt, Haare werden immer noch grau, Publikum wächst immer nach.

 

Abgrenzung in Heidelberg: Familientreffen der Szene

Der Heidelberger Frühling veranstaltet jetzt schon zum dritten Mal eine „music conference“, bei der Festivalleiter und Musikmanager, Direktoren, Intendanten, Künstleragenten, Plattenproduzenten, Kritiker und die Kritiker der Kritiker von nahe und fern zusammenkommen, um sich auszutauschen über aktuelle Probleme. Das Thema lautet diesmal: „Die Kunst ist frei, aber wie lange noch?“ Das letzte Mal sprach man, zum Beispiel, über „Innovation und Tradition, copy &  paste“. Alle Panels und Reden wurden online für die Nachwelt dokumentiert.

 

 

Es ist deprimierend! Es ist nicht auszuhalten! Man meint, man schaue gerade eine ganz schäbige Familiendokusoap, mit Problemchen wie beim RTL-Frauentausch, nur geht es hier um den Austausch von Meinungen, Deinungen, Seinungen. Gemeinsam sublimieren die Musikmetaebene-Schaffenden einen Sinnstiftungswahn, wie eine Selbsthilfegruppe von Rauchern, die Nikotin-Kaugummi kauen, um weiterhin neurotisch zu bleiben. Jeder hat Angst, dem anderen weh zu tun oder zu kurz zu kommen. Alle loben sich nach Kräften. Niemand traut sich, mal ehrlich eine Auslastungszahl zu nennen oder Versuchsballons zu starten. Man sitzt zusammen auf der Couch, isst Häppchen und gibt einander das Gefühl, man sei nicht allein, man werde geliebt, und alle müssen sich wohl fühlen. Bauchkraulen am Neckar! Hoffen wir, dass es diesmal anders läuft.

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