Von Teresa Roelcke
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Erst drei Trios, dann ein einsamer Mann auf der Bühne. So könnte man den dritten Konzertabend der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings knapp in Worte fassen. Beginnen wir am Schluss: Frederic Rzewskis „De Profundis“ greift auf einen offenen Brief zurück, den Oscar Wilde im Gefängnis schrieb. Man kann sich kaum gegensätzlichere Typen als Wilde und Rzewski vorstellen. Auf der einen Seite der kultivierte Dandy und auf der anderen der 1938 geborene Komponist, der mit strubbeligen weißen Haaren, schwarzer Hose, blauem Hemd und in Sandalen vor das Publikum tritt und auch ein lonely farmer aus der amerikanischen Einöde sein könnte. Die tiefe, raue Stimme, mit der er Ausschnitte aus dem Wildeschen Brief liest, scheint vom Leben gegerbt, wetterfest. Von ihr lebt das Stück, das Rzewski in der Alten Aula allein am Klavier aufführt. Der Klavierpart ist eine widerspenstige Illustration für den bedrückenden Text, denn das Delikate des Wildeschen Duktus geht ihm ab.

Pointiert pochendes Pulsen präzise auf den Punkt

Es klingt, als würde Rzewski zum Text improvisieren, so wie er mal Töne und Akkorde zwischen die Worte fallen lässt, sich ein andermal mit einer Melodie rhythmisch ans Gesprochene lehnt. Dann wieder brechen sich Zwischenspiele Bahn, in denen der „speaking pianist“ historische Stile aufscheinen lässt. Auch singt oder brummt er und klopft auf sich oder das Klavier. Weil es ihm absurd scheine, nach diesem Stück in die Getränkepause zu gehen und anschließend noch Schubert und Strawinsky zu hören, hatte Akademieleiter Igor Levit vor Konzertbeginn mitgeteilt, habe er „De Profundis“ spontan an den Schluss geschoben.

Also stattdessen Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ vor der Pause, in einer Version für Klarinette, Violine und Klavier. Pierre Xhonneux, Johanna Pichlmair und Igor Levit spielten mit sprühendem Charisma zusammen und brachten Strawinskys pointiert pochendes Pulsen präzise auf den Punkt. Pichlmairs Geigenspiel beeindruckte durch vollen Klang und rasante Wandlungsfähigkeit: So sprang sie zwischen Tango-, Walzer- und Ragtimemelodiefragmenten hin- und her; Tanzstile, die Strawinsky im vierten Satz zerpflückt und fast kubistisch neu zusammenfügt.

Feinfühliger Dialog und feierliche Ouvertüre

Und dann gab es noch zwei weitere Klaviertrios, eins zu Beginn und eins gleich nach der Pause: Robert Schumanns „Fantasiestücke“ op. 88 waren mit Ning Feng an der Geige, Frank Dupree am Klavier und Ildikó Szabó am Cello besetzt, deren Zusammenspiel ein wenig brauchte, um sich richtig zu fügen. Knackig saß dann aber alles im zweiten Satz, einer im unisono begonnenen Humoreske. Der Streicherduettsatz im Anschluss war ein feinfühliger Dialog, von Feng und Szabó sehr gesanglich gespielt, allerdings mit leichten intonatorischen Unreinheiten im Cello.

Frank Schuberts „Notturno“ in Es-Dur wurde von der gleichen Besetzung interpretiert, nur ersetzte der Geiger Marc Bouchkov nun Ning Feng. Harfengleiche Pianissimo-Arpeggien am Klavier und ein ebenso zarter Streichereinsatz mit liegenden, durch ein punktiertes Verzierungsmotiv verbundenen Noten strahlten zu Beginn eine sonnige Ruhe aus. Das Stück verwandelt das Motiv in Richtung einer feierlichen Ouvertüre – um sich gegen Ende wieder in die anfängliche Sonnigkeit hinwegzuträumen.

 

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