Von Adele Jakumeit
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Schön, wenn man etwas Gutes bewirken kann. Beethovens „Gassenhauer“-Trio Nr. 4 B-Dur op. 11 freute einst die Kritiker, die sich von dem sonst so Verschwurbelten mehr Natürlichkeit gewünscht hatten. Da ist kein titanischer Unruhegeist zu spüren, wie er spätere Werke Beethovens durchzieht. Das Populäre hatte er dem Stück mit dem Zitat einer bekannten Opernmelodie seines Zeitgenossen Joseph Weigl quasi schon einkomponiert. Eine Auseinandersetzung mit dem kompositorischen Material blieb in der Interpretation des Trios beim vierten Standpunkte-Konzert der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings allerdings flächendeckend aus. Die drei Musiker auf dem Podium in der Alten Aula vereinten sich zu klanglicher Ausgewogenheit, sie setzten bestimmt, doch nur maßvoll Synergien frei.

Aus Matan Porats elegant strukturierten Klavierpassagen sprach mozartsche Melodieverspieltheit. An anderer Stelle wies Cellistin Simone Drescher mit träumerischem Tonfall in Richtung Romantik. Johanna Pichlmair an der Violine knüpfte mit hoheitlicher Selbstverständlichkeit lange Legato-Phrasen zu Strängen. Das klang wunderbar – aber doch ziemlich unbeethovensch. Als sich im Finalsatz die Musiker gegenseitig mit einem kurzen Dreiklangsmotiv imitierten, brachte diese kleine Prise Humor immerhin etwas Würze in den Besonnenheitsbrei.

Rzewskis „Snaps“ ist puristisch, entschlackt und nackt

Dass es nicht immer bedeutungsschwer zugehen muss, zeigt das Klavierquintett „Snaps“ des Composers-in-Residence Frederic Rzewski aus dem Jahr 2005. Es basiert auf einer rein formalen Idee – an sich ein unspektakulärer Einfall: Rzewski erprobt 35 Möglichkeiten, die verschiedenen Instrumente des Quintetts miteinander zu kombinieren. Violine mit Klavier, Viola mit Violoncello, erste mit zweiter Geige – die Konstellationen sind vielfältig. Eine gute halbe Stunde lang darf jeder mit jedem. Dieses Werk ist, anders als die bisher bei der Kammermusik-Akademie aufgeführten Werke Rzewskis, puristisch, entschlackt, vielleicht sogar: nackt.

Es ist, als hätte jemand Rzewskis sonst so greifbarer Musik das Fleisch von den Rippen genagt. Vorhang auf für ein Kammerspiel! Im Raum sitzen fünf Menschen, jeder von ihnen ein verquerer Klangcharakter. Sie lachen, sie streiten, sie spielen miteinander. Und je nachdem, wer sich mit wem zusammentut, entstehen verschiedene Zwischenfarben und Untertöne.

Das erste Wort hat Simon Eberles Violoncello. Eine hauchdünne Flageolettmelodie sucht sich ihren Weg aus dem Traum von himmlischen Sphären zurück zur Erde. Dort tänzelt sie unentschlossen zwischen dem Forte und Piano repetierender Sechzehntel. Eberle kontrolliert den bewusst brüchigen Klang bis ins Pianissimo. Albrecht Menzel beseelt die Virtuosenläufe der Geige im Sinne des klassisch-romantischen Klangideals. Besonders toll: Hiyoli Togawa, Viola. Sie zeigt Mut zum Kantigen, zu Widerstand und Reibung. Auch Kim Won-Ho, an der zweiten Geige ein eher unauffälliges Familienmitglied, kommt zu Wort, mit seinen Pizzicato-Krumen zetteln die anderen Musiker geradezu eine Kuchenschlacht an. Das Klavier spricht mit donnerndem Akkord ein Machtwort. Igor Levit lässt Bassgrollen anschwellen, angestaute Wut entlädt sich gegen den Klavierkorpus. Trotzdem wird das Konfliktpotenzial dieses Klangdiskurses von den Interpreten nur teilweise genutzt, das multiperspektivische Stück bleibt in seiner Gänze unerschlossen.

Entfesselte Musikkräfte bringen den Saal zum Bersten

Nach der Pause erklingt das Klavierquintett g-Moll op. 57 von Dmitri Schostakowitsch, oft genug zwischen Melancholie und Versöhnlichkeit angesiedelt, kompromisslos extrem und wahr. Georgy Kovalev pflanzt eine zarte Viola-Melodie in die Luft, Igor Levit zerhackt sie mit messerscharfen Pianopräzisionsstichen, die Trümmer klebt der wunderbare Celloklang von Isang Enders zusammen. Auch wenn dem Geiger Ning Feng im Mahlstrom der Raserei Patzer unterlaufen, hat er so viel Leidenschaft, dass er Angelo de Leo an der Violine mitreißt. Das Scherzo, lebendig pochendes Herzstück des Werkes, ist Rausch und Wahn. Bogenhaare reißen. Entfesselte Musikerkräfte scheinen den Saal zum Bersten zu bringen. Schostakowitsch, lebenslang unter dem Druck des Sowjet-Regimes, wurde für ausgerechnet dieses Werk mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet.

 

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