Von Malte Hemmerich
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Eine kapitale Höraufgabe: Zuerst folgen eine Stunde lang 36 schwere, logische, trotzdem verstörende Variationen über ein eigentlich eingängiges Widerstandslied der chilenischen Sozialisten. Und dann als Finale, eine ausufernd zu improvisierende Kadenz. Man kann dies aber auch als Geschenk von Ausnahmepianist zu Ausnahmepianist betrachten. So jedenfalls türmt der kanadische Alleskönner Marc-André Hamelin in Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated!“ den monumentale Solomoment im Finale auf. Er nutzt dazu in seiner typischen höflichen Reserviertheit ein unscheinbares Seitenthema aus den vorherigen Variationen und schlägt gegen Ende unvermittelt heftig die stärkste Metallsaite seines Instruments an. Es folgt die knackige Reprise, in aller Klarheit klingt die zuletzt gekonnt verstümmelte, geklonte und nun in himmlische-romantische Sphären versetzte Kampfhymne noch einmal auf.

Es ist selten genug, dass es ein nach 1950 geschriebenes Werk zu mehreren CD-Aufnahmen bringt. „The People united will never be deafeated!“ komponiert 1975 von dem als Komponist wie Pianist gleichermaßen versierten Amerikaner Rzewski, ist gleichermaßen beliebt bei seinen spielenden Kollegen, ob auf der Bühne oder im Studio. Vielleicht weil es eben nicht einen Stil bedient, sondern alle ein bisschen.

Über allem schwingt ein revolutionär-politischer Geist

Sind Bachs Goldberg- und Beethovens Diabelli-Variationen die Bibel dieses Genres auf Tasteninstrumenten, so fügt Rzewski dem Kanon mit seinem Werk zwar keine Offenbarung, wohl aber eine buntscheckige Erweiterung hinzu. Die verwöhnt mit Melodik und Effekthascherei, welche Neue Musik-Puristen verärgern mag, prunkt mit schweren wie skurrilen Spieltechniken à la „Nachhall mit dem Pedal einfangen“ und „Oberstimme Mitpfeifen“. Und über allem schwingt ein revolutionär-politischer Geist, der dem Werk etwas Exzentrisches gibt. Die unorthodoxen Variationen sind dabei klassisch durchstrukturiert, gehen durch alle Tonarten, setzten jeweils gruppenthematische Schwerpunkte in Rhythmik, Melodik, Harmonik. Aus jeder Variation zieht etwas in die folgenden.

 

Marc-André Hamelin reiht sich in eine Reihe von Aufnahmen ein. Unter anderem der Komponist selbst, sowie die Widmungsträgerin Ursula Oppens haben das Stück aufgenommen. Hamelin ist in Variation 23 „as fast as possible“ schneller als alle, um später in den seriellen Variationen mit unbedingter Zurücknahme zu verblüffen. Er beherrscht und durchdringt, das Ungehobelte liegt ihm weniger.Sein Verdienst: Als Zuhörer erkennt man in dieser Musik, ohne den komplexen Notentext zu verfolgen, sofort die Zusammenhänge, all die Teile des komplexen Baukastens. Hamelin lässt uns verstehen und genießen, ohne oberlehrerhaft zu wirken oder gar die durchziehende Sanglichkeit des Werkes zu verlieren. Darin liegt, neben der unbestritten unverschämten Virtuosität, die in dieser Hyperion-Aufnahme besonders Spaß macht, der Reiz dieses eigenwilligen Klavierepos.

Das ist freilich weniger Revolution, wie sie das Graffiti-Cover der CD verspricht, dafür aber glänzend polierte Klaviermusik, die bei jedem Hören ein bisschen weniger abenteuerlich wird.

Frederic Rzewski: „The People United Will Never Be Defeated!“; Marc-André Hamelin (Hyperion)

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