Von Christopher Warmuth
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Markus Hinterhäuser ist Pianist und Intendant. Im Sommer 2017 übernimmt er die Salzburger Festspiele. In der Welt der klassischen Musik ist dieser Name schon lange so etwas wie ein Ferment. Diskutiert man mit Betriebsangehörigen über die Zukunft dieser Welt, werden seine Aussagen zitiert, seine Methoden bewundert oder kritisiert. Nachdem Gerard Mortier 2014 gestorben war, richten sich nun die Hoffnungen auf Hinterhäuser, als prägenden Kulturkopf. Kein Zufall, dass es auch im Gespräch über Hinterhäuser mit Hinterhäuser nicht lange dauert, bis der Name Mortier fällt. So ein Quatsch, er glaube das nicht, sagt er. Er fragt zurück: Wer sowas behaupte? Hinterhäuser schüttelt den Kopf, ein winziges Grinsen kann er nicht ganz verbergen.

Eigentlich sollte das Interview nur eine halbe Stunde dauern, es wurden zwei Stunden daraus. Hinterhäuser schlappt in der Lobby des Europäischen Hofes in Heidelberg schnurstracks auf mich zu. Das Hotel-Entree strotzt vor Prunk, Kronleuchter, alles glitzert. Der Flaneur schaut sich um, als ob er aus der Zeit gefallen wäre. Ist das seine Realität?

Vor dem Hotel ist ein Parkplatz mit Luxuskarossen. Dort ist ein Porsche platziert, der gerade mit Strom geladen wird. Hinterhäuser lotst mich in den Außenbereich des Hotelcafés. Ich bestelle einen Cappuccino, er „einfach nur einen schwarzen Kaffee“. Er fällt der Bedienung ins Wort, spricht mit leiser, aber geerdeter Stimme, keine Milch, keinen Zucker. Er fragt:  Für welche Musik ich mich interessiere? Jede Frage wirkt bei ihm wie eine Aufforderung, sich zu öffnen, vielleicht liegt es in seiner Natur, Menschen zu knacken. Dann  erzählt von einem aktuellem Projekt, er sei gerade Juror geworden beim Deutschen Buchpreis, einem Literaturgremium. Wie bitte? Hat ein so gefragter Pianist und vielbeschäftigter Intendant nicht genug zu tun? Hinterhäuser erzählt, wie er gut einhundertsechzig Bücher liest, wovon dann eh zwei Drittel indiskutabel seien. Er empfindet das Lesen nicht als Belastung. Mit so harscher Kritik habe ich nicht gerechnet. Welche Bücher findet er diskutabel? „Ich grase meine Gehirnwiese ab“ von Paul Valéry, zum Beispiel. „Interessanter Titel, oder?“ Bücherlesen sei wie das Denken mit einem fremden Gehirn. Er erzählt, wie er in seinem Bett zu Hause eingerahmt sei von unzähligen Büchern. Er wohnt mit ihnen, er existiert dazwischen.

Wenn er über Musikkritik spricht, dann so: Eine intelligente Gesellschaft könne dadurch zur Reflektion angeregt werden, es läsen schließlich weitaus mehr Leute die Kritik, als im Konzert anwesend, das sei nun mal die Natur von Massenmedien: Vervielfältigung. Und in der Natur der Musik, um die es inhaltlich gehe, liegt es, dass sie essentielle Fragen der Menschen behandle.

No Parallax Found! Check ID

Die halbe Stunde ist vorbei, ich will nicht unhöflich sein und mache Anstalten, zu gehen. Er lehnt sich zurück, belächelt mich ein bisschen. „Das soll es schon gewesen sein? Sie schreiben ja nicht mal mit.“ Das stimmt! Fange ich an, mir Notizen zu machen, dann, zur Hölle, raubt mir dieser Interviewpartner den Atem. Hinterhäuser wird dann nämlich nur noch präziser.

Er erzählt von einer Taxifahrt in Wien: Ein propperes Urgestein hatte ihn gefahren, der hatte klassische Musik im Autoradio, er habe nachgefragt, was der für Klassik möge. Der Mann habe gesagt: Mozart erkenne er, Haydn finde er gut, Tschaikowsky auch. Hinterhäuser habe eingewendet, dass Klassik heute für viele keine Rolle spiele. Plötzlich spricht er Dialekt, er ahmt den Taxifahrer weanerisch nach, aber ohne eine Spur von Persiflage. Der Wiener Grantler: „Joa, oaschlöcha sans.“

Ich will eigentlich viel mehr Geschichten aus diesem Nähkästchen hören, aber das sprengt wohl den Rahmen. Hinterhäuser hat Hunger, vergewissert sich, dass es mir genauso geht, und wir trudeln durch die bezaubernde Stadt am Neckar. Bei einer Frage bleibt er stehen, schaut in die Luft und antwortet dann. Ein sehr bestimmtes Nein. Er sei kein ehrgeiziger Mensch, er sei nur ein Interessierter. Die Rädchen für so ein Angebot wie Salzburg stünden nur einmal im Leben so. Er hätte einfach zusagen müssen.

Der Heidelberger Frühling sei ein sehr gutes Festival, er freue sich sehr über den Preis, den er bekommt. Hinterhäuser weist aber jedes Lob sofort von sich. Es sei eine Ehre, von der Jury ausgewählt worden zu sein. Auch, wenn er nicht mit allen Juroren immer einer Meinung sei. Der Frühling sei ein Festival, das über eine additive Aneinanderreihung von Konzerten hinausgehe. Die Art, wie Hinterhäuser über Heidelberg spricht, und über sich selbst, beweist, dass er nicht kokettiert.

Wir sind bei einem Japaner angekommen, der nahe der Stadthalle ist, wo er als nächstes verabredet ist. Ein Vorhang hängt von der Decke und trennt das Restaurant vom angegliederten Hotel ab. Hinterhäuser hält mir den Vorhang so explizit auf, als könnte ich mich an der Seide schneiden. Unser kleiner Tisch steht an der Wand. Hinterhäuser lehnt sich an, als wäre er eine Buchstütze. Er lacht: Er habe keinen Schimmer, wie ich über all das, was wir sprechen, etwas „Vernünftiges“ schreiben will. Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht.

Vorher hatte ich nicht ganz verstanden, was das für ein Phantom sein soll: Jeder redet über Hinterhäuser, alle sind fasziniert von ihm. Jetzt geht es mir auch so. Er ist der Flaneur, der sich immer neu Bezug verschaffen muss zur Kunst. Er positioniert sich immer wieder neu. Das ist ansteckend, es frisst mich auf.

Hinterhäuser erfährt von der Bedienung, dass ihre Kollegin Musik studiert. Er will wissen, was das für Musik sei, die da im Hintergrund läuft. Er bittet, dass die Kollegin mal kommen soll, er würde gerne mit ihr sprechen. Ich frage ihn etwas, als die Dame seinem Wunsch nachkommt. Keine Reaktion, er lugt durch den Paravent hindurch, steht auf, trottet schnurstracks auf besagte Bedienung zu. Sie studiert Posaune in Mannheim, er hat sich, nach seiner Reaktion zu urteilen, innerlich getäuscht. Er spricht von einem Stück von Hindemith für Posaune. Die zwei Bedienungen rufen: „Whow!“ Beide fragen ihn, ob er Musiker sei. „Ach nein, ein Interessierter.“

 

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