Von Adele Jakumeit
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Die Musik des amerikanischen Komponisten und Pianisten Frederic Rzewski, sechsundsiebzig, lässt sich keinem Genre eindeutig zuordnen. Der Heidelberger Frühling rückt sein Werk bei der diesjährigen Kammermusik-Akademie in den Fokus. „Dreams II“ ist der zweite Teil aus eines achtteiligen Zyklus von Klavierstücken. Den ersten Teil hatte Rzewski selbst im Februar 2014 in Brüssel uraufgeführt. „Dreams II“ wird nun am kommenden Sonntag vom Pianisten und künstlerischen Leiter der Akademie, Igor Levit, uraufgeführt. Adele Jakumeit hat mit Frederic Rzewski gesprochen.

AJ: Herr Rzewski, Sie haben Ihr neues Stück „Dreams II“ dem Pianisten Igor Levit gewidmet. Warum?

FR: Igor Levit ist ein sehr guter Pianist, daran ist kein Zweifel. Und: Das Beste, worauf ein Komponist hoffen kann, ist, dass seine Musik von den Jungen aufgenommen wird. Dass sie neu verstanden, neu interpretiert wird. Man kann Musik schreiben und dabei gewisse Vorstellungen haben, wie das klingen wird. Wissen, wie es klingt, kann man nur, wenn sie tatsächlich gespielt wird. Und dabei kommen auch Überraschungen vor.

AJ: Was für Überraschungen?

FR: Es gibt viele verschiedene Arten, dieselbe Musik zu spielen. Zum Beispiel mein Stück „The People United Will Never Be Defeated“. Viele Pianisten haben das aufgenommen, ich bekomme fast jeden Monat eine neue Einspielung davon. Neulich habe ich eine Version bekommen von einem Wiener Pianisten, Christopher Hinterhuber. Sehr gut und unglaublich schnell – ich wusste nicht, dass es möglich ist, diese Musik so zu spielen. Und ich weiß nicht, was noch für Überraschungen zu erwarten sind…

 

 

AJ: „The People United Will Never Be Defeated“ ist 1975 entstanden und mittlerweile schon ein Klassiker. Inspiriert hat Sie ein Protestlied aus der Zeit der chilenischen Militärdiktatur. Was war der Ausgangspunkt für Ihren neuen Zyklus „Dreams“?

FR: Vor ein paar Jahren habe ich den letzten Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa gesehen, „Dreams“, aus dem Jahr 1990. Ein Meisterwerk des Kinos. Es sind acht kurze Filme über ganz unterschiedliche Sachverhalte. Mein Stück hat inhaltlich nichts damit zu tun, formal aber doch: Es ist eine Art Hommage an Kurosawa und besteht auch aus acht kleinen Stücken; jedes dieser Stücke ist unabhängig.

 

 

AJ: „Dreams II“ ist die zweite Hälfte, eine Fortsetzung…

FR:aber dieser zweite Teil hat eine gewisse Einheit in sich. Ich stelle mir vor, wenn Igor Levit das Stück am nächsten Sonntag spielt, wird es so klingen wie eine Sonate mit vier Sätzen. Er probt gerade, heute Morgen haben wir gemeinsam daran gearbeitet.

AJ: Muss Herr Levit auch singen? Ihre Musik fordert den Musiker ja oft mit Performance-Elementen oder dem Einsatz von Sprache. Mit welchen Techniken haben Sie in diesem Werk gearbeitet?

FR: Nein, in diesem Stück wird nicht gesungen. Vom technischen Standpunkt finde ich eigentlich nichts besonders interessant… [lacht, blättert in der Partitur] In meiner Klaviermusik gibt es immer Stellen, wo improvisiert wird. Hier, die Kadenz ganz am Ende, im letzten Stück. Eine kurze Improvisation mit der rechten Hand. Sie basiert auf einem Lied von Woody Guthrie, „Wake up“ aus dem Zyklus „Songs to Grow on“, den er für seine Kinder geschrieben hat. Ich habe geschrieben „Play the notes, think the words“ – der Pianist muss nur die Töne spielen, aber gleichzeitig die Worte denken.

AJ: Die einzelnen Stücke aus „Dreams II“ tragen sprechende Titel wie „Bells“, Glocken. Was bedeuten sie für die Musik?

FR: Das zweite Stück zum Beispiel heißt „Fireflies“. Also Glühwürmchen auf Deutsch. Warum? Beim Komponieren habe ich einfach an Insekten gedacht, die herumfliegen und ab und zu aufleuchten. Aber im Grunde haben diese Titel keine weitere Bedeutung.

AJ: Kann man die Glühwürmchen in der Musik hören?

FR: Das weiß ich nicht. Vielleicht hört man auch Mücken. [lacht] Diese Tätigkeit, das Komponieren, ist eine geheimnisvolle Sache. Die Musik wird sehr präzise notiert, aber auch so, dass viele verschiedene Interpretationen möglich sind. So bekommt sie mit jeder Generation neue Deutungen. Und deshalb überdauert sie. Ich glaube, niemand versteht wirklich, wie das funktioniert. Das finde ich das Faszinierende am Komponieren. Aber zum Beispiel der Kontrapunkt, die fundamentale Technik dieser Kunst, wird nicht mehr gut verstanden. Es gibt immer weniger junge Komponisten, die das kennen. Es kann also sein, dass die Kunst der westlichen Komposition ganz verschwinden wird. Das ist durchaus möglich.

 

 

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