Von Christopher Warmuth
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Frederic Rzewski steht da wie ein Brett, er könnte sich nicht grässlicher verhalten. Er hat absolut keine Lust, mit Kritikern zu sprechen, die seien eh alle dumm! Mir ist auch sonst niemand bekannt, der in dieser Woche mit Rzewski ein freundliches Gespräch geführt hat. Das ist paradox, hat der Heidelberger Frühling diesen Künstler doch zum Mittelpunkt des diesjährigen Festivals gemacht. Rzewskis Werke sind der Schwerpunkt der Kammermusik-Akademie, er ist Composer-in-residence. Aber die ganze Woche über weigert er sich, mit Händen und Füßen, artig zu sein, er tritt um sich wie ein Kleinkind und treibt mit dieser Koketterie alle gerne in den Wahnsinn. Wie ein Mensch so werden kann, das ist mir schleierhaft.

Rzewski ist 1938 geboren, er hat in Harvard und Princeton studiert. Dann entdeckte er Italien für sich, da war er zweiundzwanzig. Das ist insofern wichtig, weil er Mitbegründer der Musica Elettronica Viva (MEV) wurde: eine irre Truppe von sieben Avantgardisten. Sie kreierten Musik, die zum Beispiel elektronische Musik mit Live-Improvisation kombinierte. Bestimmt war das ein Krampf und ein Kampf, doch die MEV hat entscheidend dazu beigetragen, dass Elektronik heute in der Musik für mehr als nur starre Systematik und kalte Technik steht.

Frage ich Rzewski, warum er komponiert, lügt er mir etwas vor und hat grimmigen Spaß dabei: Er wolle nur Geld verdienen. Aha! Auch die Erfahrung mit seinen Werken in dieser Woche, die Musik von ihm und mit ihm, bringt mich zu dem Schluss: Rzewski agiert gerne als ein kontrollierter Publikumsstrangulator. Geht es den Leuten zu gut, zurrt er das Band fester. Die Musik springt den Leuten ins Gesicht, fährt ihnen über die Ohren, prügelt auf sie ein und haut auf den Tisch, bevor sie sich dann zart verkrümelt. Für Frederic Rzewski müssen die Auftritte mit MEV prägend gewesen sein. In den Online zugänglichen Videos wird klar, dass in diesem Kollektiv jeder Egozentriker vor allem sich selbst zelebrierte:

Figurelli

Foto: Figurelli

Rzewski indes entschied sich dazu, eine Fußnote der Bewegung zu werden. Er hat sich von der Gruppe abgespalten, einen eher disziplinierten Ausläufer der MEV in New York gegründet. Aber warum ist er nicht Pianist geworden? Das Zeug für eine große Karriere hatte er. Statt dessen hat er den Komponisten Rzewski und den Pianisten Rzewski zu etwas Neuem verzahnt: Rzewski erfand das Konzept des „theatre pianist“. Er spielt, er schlägt sich ins Gesicht, malträtiert den Flügel mit Fäusten und will sich schier die Haut vom Schädel kratzen. Performance, Klavierspiel, Komposition vereinen sich zu einer Kampffront.

Das Piano ist zwar sein wichtigstes Steckenpferd, aber er ist nicht auf dieses Instrument festgelegt. In den Siebzigern experimentierte er mit Formen, bei denen Stil und Sprache als Strukturelemente herangezogen werden. Er hat später selbst von „Missbrauch“ gesprochen, er habe keinen Respekt vor Formalien gehabt. Das bekannteste (und einzige wirklich bekannte) Stück aus seinem großen, wilden Werkverzeichnis sind die Klaviervariationen „The People United Will Never BeDefeated“, es ist in dieser Phase entstanden.

Was in dieser Woche mit Kammermusik-Akademie-Konzerten in der Alten Aula in Heidelberg naturgemäß nicht aufgeführt werden konnte, das sind Rzewskis Kompositionen aus den Jahren 1979 bis 1981, die er für größere Ensembles schrieb. Da könnte man, zum Beispiel, über ein zweistündiges Oratorium stolpern, in denen Rzewski mit Skalen hantiert hat, es heißt: „Triumph of Death“. Beruhigend, dass auch in solchen eher konventionellen Gattungen die Grundhaltung zugleich ignorant und politisch bleibt. Kein Amen in Sicht. Es ist ein Basta!

Entweder ist Frederic Rzewski ein hochpolitischer Misanthrop, oder er ist ein bedingungsloser Idealist. Vielleicht ist er auch noch etwas ganz anderes. Sicher ist nur, dass er richtig, richtig ungezogen ist! Seine intellektuellen Waffen sind ein spitzer Meißel, ein großer Hammer. Wach und einsatzbereit hockt er uns vis à vis, gibt keine Antworten, stellt Gegenfragen, freut sich, wenn uns das zur Weißglut bringt. Zum Glück haben wir seine Musik!

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