Von Malte Hemmerich
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Geschafft. Die dritte Kammermusik-Akademie in Heidelberg ist vorbei. Nach einer Woche Proben und Diskussionen von früh bis tief in die Nacht, nach allabendlichen Konzerten, ist Igor Levit, der Pianist und Leiter der Akademie, glücklich und angespannt zugleich. Am Sonntag wird er zum ersten Mal öffentlich die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach spielen. Trotzdem ist er bereit zu einem Interview.

 

Herr Levit, Ihre letzte CD haben Sie Bachs sechs Klavierpartiten gewidmet. Und nun: die Goldberg-Variationen. Lieben Sie Bach?

Eigentlich wollte ich nie, nie die Goldberg-Variationen spielen! Es gibt einen sehr einfachen Grund dafür. Weil das Werk für Instrumente mit Doppelmanualen gedacht ist, ergeben sich klare Defizite für einen Konzertflügel…

… die der Pianist nicht ausgleichen kann?

Nein! Das kann mir keiner erzählen. In den Passagen beim Händekreuzen läppern sich die Töne so, es  ist nie so sauber, dass man das Gefühl hat, da seien zwei unabhängige Linien. Ich kenne übrigens auch keine Aufnahme, wo die sich kreuzenden Linien vollkommen autark klingen.

Aber wenn das so ist: Warum spielen Sie das Stück jetzt doch?

Irgendwann dachte ich mir, warum sollten mir diese paar Stellen das ganze Stück versperren? Tatsächlich habe ich kurz nach Ende der Partiten-Aufnahme schon angefangen, an „Goldberg“ zu arbeiten.

Wie haben Sie die Variationen geübt? Gibt es ein Levitsches Geheimrezept?

Ich arbeite chronologisch. Es gibt am Anfang Entscheidungen zu treffen. Nehmen wir die Aria: Geht es wirklich um diese wunderschöne Melodie? Oder um den Bass?  Bach variiert ja den Bass, nicht das Thema! Solche Fragen stellt man sich anfangs, alles andere passiert dann im Übe-Prozess.

Wie bei allen anderen Stücken auch?

Klar, ja. Bei Beethovens „Diabelli-Variationen“ habe ich jedes Mal den Weg neu abgesteckt, aber die habe ich ja immerhin schon fünfundvierzig Mal gespielt. Ich freue mich, jetzt „Goldberg“ aufzuführen, die spiele ich auch öfters, dann gucken wir weiter.

Der Arbeitsprozess beginnt also erst richtig nach dem Konzert?

Er geht immer weiter. Vielleicht ärgere ich mich nach dem ersten Konzert zu Tode, das weiß ich noch nicht. Mal sehen. Ich werde auf jeden Fall weiter dran arbeiten.

Bach Goldberg-Variationen werden viel gespielt. Fühlen Sie sich unter Druck, originell sein zu müssen? Etwas ganz anders zu machen?

Nein, ich will doch das Rad nicht neu erfinden. Es gibt ja hunderte von Aufnahmen davon. Aber wenn ich so rangehen würde, könnte ich eigentlich gar nichts mehr spielen. Außer natürlich Unwichtiges und Unbekanntes, Kalkbrenner oder so…

oder Clementi. Sie wollen „Goldberg“ sogar aufnehmen, Ihr nächstes Album soll daneben auch noch Frederic Rzewskis „The People United“ und Beethovens „Diabelli“ enthalten.  Ist das dann die Bilanz Ihres Pianistenlebens?

Es ist die Erfüllung dieser Idee!  Ich wollte das immer schon: Ich wollte diese Trias machen. Diese drei Stücke sind für mich die bedeutendsten Variationenwerke für Klavier überhaupt.

Inwiefern?

 Ich liebe Variationen. Weil ich Veränderungen schon immer mochte. Egal, in welchem Lebensbereich. Ich finde Veränderung super. Der Beginn, eine Reise, dann das Ankommen, das ist eine wichtige Form, ein spannendes Prinzip!

Gehören diese drei Stücke denn zusammen?

Man muss sie nicht immer alle nacheinander hören. Das wäre eine Überforderung. Oder muss man vielleicht doch, gerade deshalb?

Können Sie nur Stücke spielen, die Sie lieben? Oder kann man sich auch Ungeliebtes erschließen, sich Werke hart erarbeiten?

Das ist schwer. Bei mir gibt es zum Beispiel Chopin: Der ist nicht mein „piece of cake“. Ich mag Chopin,  will ihn aber nicht spielen. Es gibt andere Pianisten, die spielen ihn besser als ich. Bis jetzt hatte ich zu tun mit Bach, Beethoven, Busoni und Rzewski. Natürlich gibt es immer wieder Werke, die man ganz neu für sich entdeckt. Aber durch harte Arbeit etwas zurechtzimmern, was man nicht spielen will, das wäre Zeitverschwendung. Es ist übrigens wirklich schwierig, wenn ich überlege, was ich als nächstes in Angriff nehmen soll. Ich glaube, ich mache nach dieser Aufnahme erst mal eine kreative Pause. Definitiv ist nach dieser Variationen-Trias ein Bereich abgeschlossen.

Angenommen, nach dem Konzert am Sonntag erscheint eine Kritik. Über welche Überschrift würden Sie sich freuen?

Geschafft!!! (lacht) Buch zu, danke, weiter geht’s.

Hört sich nicht gerade nach Erfüllung an…

Doch, doch! Ich bin im Moment einfach selig, weil die Kammermusik-Akademie in Heidelberg inhaltlich und musikalisch diesmal so gut aufgegangen ist, und auch, weil die Zusammenarbeit mit Rzewski so gut funktioniert hat. Frederic ist mir sehr wichtig, sein Werk ist für mich unglaublich inspirierend. Das alles lässt mich glücklich zurück.

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