Von Christopher Warmuth
Posted: Updated:
0 Kommentare

Am liebsten hätte sie sich davor gedrückt, mit mir zu reden. Theresa Kling hat im Moment Musik im Kopf. Sie ist Bratschistin, in diesem Jahr Stipendiatin bei der Kammermusik-Akademie beim Heidelberger Frühling. Ich bin auch Stipendiat, bei der Akademie Musikjournalismus. Theresa ist Musikerin, ich bin Kritiker.

Bisher habe sie meine Rezensionen über ihre Auftritte noch nicht gelesen, erzählt sie mir. Typisch, sie hat anderes zu tun. Aber ihre Entschuldigung offenbart: Theresa hat eine Ahnung davon, wie wichtig Musikkritik auch für sie als Musikerin ist. Ich bin ja ihr Parasit. Das Verhältnis von Musikjournalismus und Musikern ist eine Symbiose, Wirt und Symbiont brauchen einander, um ihr Ziel zu optimieren, in harten Zeiten vielleicht sogar, um zu überleben. Ohne Musik gäbe es keine Musikkritik, aber: Ich bin mir sicher, das ist umkehrbar. Zumindest ein wenig.

Menschen brauchen Musik nicht nur zum Spaß. Sie reflektiert und positioniert uns im Geflecht des Daseins. Musikkritik kann dem Worte geben. So verändern wir uns durch die Musik und die Artikulation darüber – wohlmöglich.

Man kann das von der Kanzel herunter predigen oder sich nur still denken, und gut ist’s. Und dann weiterhören, weiterschreiben, weiteren Grundsatzdebatten um das Verhältnis von musikalischen Dienstleistungen aus dem Wege gehen. Aber das will ich so nicht. Ich möchte wissen: Warum liest das Publikum Musikkritiken? Was denkt der Musiker, über sein Musikspiel hinaus? Was erwarten beide Seiten von mir. Was sagt das aus über den Zustand von Musik und Musikkritik heute?

Musik ist immer ein Spiegel der Zeit, dieser Abbildungsprozess findet auf verschiedenen Ebenen statt. Wenn irgendjemand eine Komposition von Bach, Mozart oder Beethoven hört, kann das einer Flaschenpost aus der Vergangenheit ähneln. Man fischt sie aus dem Fluss der Zeit heraus, und öffnet sie. Ihr Inhalt entfaltet sich: Das ist wunderbar. Aber: Es ist nicht alles.

Wenn heute ein Werk von Vorgestern gespielt und interpretiert wird, dann wandelt sich Tradition zum Jetzt. Trotzdem glauben viele, dass nur zeitgenössische Musik unser Jetzt und Heute direkt spiegeln kann. Aber beides, neue wie alte Musik, sind eng verzahnt. Haben die Musikhörer nicht sogar eine Verantwortung gegenüber sich selbst, das zu bedenken, ja, eine Pflicht, über diese Spannungsverhältnisse zu sprechen? Liebes Publikum: Was hältst du von uns Musikkritikern, die wir, hoffentlich, solche Gespräche anregen?

Mich erschreckt es, wenn ich zu diesem Thema höre: „Wir wollen wissen, ob wir recht haben. Schreibt der Kritiker es genauso, wie wir es uns nach dem Konzert gedacht haben?“ Bedeutet das, dass wir Musikkritiker eine Autorität haben, dass wir geachtet werden? Oder ist das nur eine höfliche Floskel, die mich abspeisen soll, ein süßer Geschmack, etwas Honig ums Maul?

Darum darf es doch nicht gehen! Wer so denkt, der traut dem Kritiker nichts zu und zugleich viel zu viel. Ich sehe mich selbst und meinen Job, als Musikkritiker, anders. Eher als ein Steinchen im großen Musikmosaik denn als Geschmacksrichter, mehr als Impulsgeber denn als Instanz. Ich will lieber Advokat sein, als nur ein windiger Makler, lieber Anker als Galionsfigur. Nur eines darf und will ich nie sein: Missionar einer „Wahrheit“.

Ähnliche Beiträge

Eine Glosse über Beleuchtung in Klassikkonzerten

Kann man Schiefer und Backsteine hören? Jedenfalls kennt jeder Mensch eine Musik, in der er sich...

Warum historische Instrumente? Drei Mitglieder des Ensembles Anima Eterna Brugge im Gespräch.