Von Malte Hemmerich
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Eben noch beharrten Klavier und Streicher auf ihrer je eigenen, starken Klangfarbe. Jetzt singen sie zart vereint, mit beinahe romantischem Schmelz, und plötzlich lassen sich im Larghetto des zweiten Klavierquartetts von Wolfgang Amadeus Mozart viele kleine Charakterphrasen erkennen.

Dieser stilistische Bruch passt gut zu der kurzen Eröffnungsrede, die Igor Levit zum Auftakt der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings gehalten hat. Er ist selbst Pianist, künstlerischer Leiter der Akademie und sprach vom „Besonderen im Alltäglichen“, bezogen auf den Komponisten Frederic Rzewski, dessen Schaffen dieses Jahr im Mittelpunkt steht. Aber dieser Begriff läßt sich ebenso gut auf kammermusikalische Repertoirestücke wie das Mozartsche münzen. Denn hier besteht Routinegefahr – allerdings auch die Chance auf neue Blickwinkel.

Erst im letzten Satz gänzlich aufgetaut

Ning Feng führt an der ersten Violine mit atemraubender Technik und anregender Spielfreude. Pianist Matan Porat setzt dominant Akzente, ohne stets mit seinen Spielpartnern zu harmonieren. Cellist Simon Eberle und Theresa Kling an der Viola interpretieren ihre Parts viel dezenter. Nach und nach finden die Spieler zusammen, erst im letzten Satz wirken die Stimmen gänzlich aufgetaut, sie klingen frisch.

Frederic Rzewski, sechsundsiebzig, gibt in seinem 2014 uraufgeführten „Dear Diary“ scheinbar profanen Tagebucheinträgen diabolische, durchaus unterhaltsame musikalische Gestalt. Er performt den fünfteiligen Gedichtzyklus, als klassisches Melodram, selbst am Flügel. Dabei bekommen die Worte des „sprechenden Pianisten“ auf den Tasten doppeltes Gewicht: In „Stuporman“ gibt es zur bissigen Gesellschaftskritik erst Horrorfilmclusterklänge, dann tropfende Skalen. „Stumpfsinn, Stumpfsinn“, singt der unergründliche Rzewski, während er in „Thanks“ die Stille für sich sprechen lässt. Dann fallen die Worte aus seinem Mund, nachdenklich und stockend, so, wie man vielleicht ein Tagebuch schreibt. Rzewskis Musik will sich nicht festlegen lassen. Die Ungezwungenheit auch seines Auftretens wirkt echt, Rzewski selbst scheint gänzlich unbeeindruckt vom Betrieb.

Zitternde Flageoletttöne im Saal

Das Finale wird eingeleitet von Ning Feng mit dem „Präludium in Memoriam D. Schostakowitsch“ von Alfred Schnittke. Dann spielt Igor Levit mit den anderen Mentoren seiner Kammermusik-Akademie zum Abschluss das energetische Klaviertrio Nr. 2 e-moll von Dmitri Schostakowitsch. Isang Enders schickt zitternde Flageoletttöne durch den Saal, Ning Feng stimmt in die klagende Fuge ein. Der dritte im Bunde, Levit, erlöst die Zuhörer nicht von der Spannung des nervenaufreibenden Streicherdialogs, er intensiviert sie.

In jedem Werk von Schostakowitsch gibt es diesen unterschwelligen Schrecken, die Klage über die Übel dieser Welt. In der Interpretation der drei Musiker ist das allgegenwärtig, im wilden Allegro ebenso wie in der tieftraurigen Passacaglia. Die Überraschungen stecken im Detail: Im leicht verzögerten Pizzicato-Offbeat und den expressionistischen Ausbrüchen, die Levit vom Flügel aus herbeiführt. Mit dem Verklingen des letzten Pizzicato löst sich langsam die kollektive Anspannung im Saal. Begeisterter Applaus.

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