Von Adele Jakumeit
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Wie dicke schwarze Tintenkleckse in der Partitur wirken die Cluster des „Winnsboro Cotton Mill Blues“ von Frederic Rzewski. Wie das aber klingen soll, ist mit Noten allein noch lange nicht gesagt. Die Frage der Deutungshoheit eines Werkes stellt sich für Interpreten zeitgenössischer Musik verschärft, weil sie dem meist noch lebenden Schöpfer direkt Rechenschaft ablegen können, und das gilt umso mehr, wenn der Komponist selbst ein brillanter Musiker ist – wie der amerikanische Komponist und Pianist Rzewski.

Neben seinen eigenen Aufnahmen des 1975 entstandenen Klavierwerks „The People United Will Never Be Defeated!“ können nur wenige bestehen. Der niederländische Pianist Ralph van Raat nahm die Herausforderung an. Etwa zehn Minuten dauert der „Winnsboro Cotton Mill Blues“, wirkt aber in van Raats Einspielung trotzdem eher nur wie eine Zugabe im Vergleich zu diesem Mammut der Virtuosenpianistik. „The People United Will Never Be Defeated!“ besteht aus 36 Variationen für Klavier solo über ein revolutionäres Kampflied des chilenischen Komponisten Sergio Ortega.

Das rund einstündige Werk des heute 76-jährigen Rzewski gilt als Meilenstein der zeitgenössischen amerikanischen Klavierliteratur. Es ist gigantisch, phantastisch ausschweifend, komplex und schwer zu spielen. Ralph van Raat nimmt die Spielanweisungen ernst, er schafft sich zugleich aber Freiheiten. Mit glanzvollem Ton, technisch brillant, gestaltet er Variation für Variation und poliert auch scheinbar nebensächliche Details.

Sympathisch, dass er auf markige Revoluzzergestik fast ganz verzichtet, seine Lesart wirkt irgendwie „ehrlich“. Die unheilvoll leeren Quinten am Ende der neunten Variation, zum Beispiel, hängen düster und unbestimmt in der Luft – mehr furchtbare Ahnung als tatsächlich durchlebte Gefahr. Protestrufe gegen die chilenische Militärdiktatur, feuerflammende musikalische Plädoyers für revolutionären Mut und Zivilcourage, all das könnte bei einem Interpreten, der um vierzig Jahre jünger ist als Rzewski, auch wie ein historisches Zitat wirken.

Schon in den ersten Takten der Einleitung wird der Unterschied deutlich: Van Raat spielt dynamisch zurückhaltender, weniger kantig und mit einem Hauch von Melancholie: feine Akzente statt Faustkeile. Und ihm glückt etwas, was den Hörer auf eindringliche Weise direkt anspricht – er bringt das Klavier zum Singen. Der Revolutionsgestus des Themas reduziert sich auf ein menschlich kommensurables Maß, es wandelt sich zum Volkslied. Begeistert Rzewski in der finalen Reprise des Revolutionsliedes mit Wucht und Kampfeslust für seine Sache, so zieht van Raat am Ende ein vielleicht weniger klangmachtvolles, aber ebenso ernsthaftes Fazit: ein Glaubensbekenntnis an die menschliche Kraft, Unterdrückung zu überwinden:

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