Von Christopher Warmuth
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Die Kombination macht die Musik. Um auf diese Erkenntnis zu weisen, teilt Frederic Rzewski in seinem Klavierquintett „Snaps“ jedem der beteiligten Künstler eine klare Rolle zu. So werden sie in der Alten Aula von den Stipendiaten der Kammermusik-Akademie ausgefüllt: Albrecht Menzel, übrigens Wiederholungstäter im Stipendiatenprogramm, ist der Präzise. Er und seine Geige sind in einer Bilderbuchbeziehung. Kim Won-Ho an der zweiten Violine franst seine Phrasen aus und tritt dann einen Schritt zurück. Cellist Simon Eberle ist sich selbst nicht genug und stürzt sich an den Rand des Möglichen. Igor Levit ist gewitzt und berechnend; er weiß, dass das Stück nur funktioniert, wenn seine Mitspieler die Regeln beachten, also ist er auch der Aufpasser.

Süßer, düsterer Klang

Am wenigsten greifbar ist die Bratschistin Hiyoli Togawa, sie versucht uns mit unheimlich süßem und düsterem Ton den Kopf zu verdrehen. Welche gemeinsame Aussage treffen diese Extreme? Gar keine, und darum geht es. Jede mögliche Besetzung will Rzewski ausprobieren, es ist ein Spiel mit insgesamt 21 Kombinationen. 10 Duette, 5 Soli, 5 Quartette und 1 Quintett. Eine halbe Minute bekommt jedes Ensemble, und jeder Musiker darf das Quintett einmal anführen. Summa summarum ist es ein halbe Stunde Spiel, Spaß und Spannung. Solch profane Unterhaltung brauchte man auch dringend nach Ludwig van Beethovens Klaviertrio Nr. 4 B-Dur op. 11.

Beethoven ist ein Komponist, der Mythen anzieht wie die Kuh die Fliegen: der taube Egoman, der die Ignoranz gepachtet hat, und dessen Leiden wir tiefgründige Musik zu verdanken haben. So viel zu den Vor- oder auch Nachurteilen. In der Interpretation von Matan Porat, Johanna Pichlmair und Simon Eberle war von Leiden und Dissonanzen nichts zu spüren, das Stück von der ersten bis zur letzten Note perfekt gesetzt, klanglich kugelrund. Motto: Zurücklehnen und Genießen – soll das so?

Nur zwei Verschnaufpausen

Jetzt aber zum Stuck am Firmament. Dmitri Schostakowitschs Klavierquintett g-Moll op. 57, wie toll ist das denn! Fünf Sätze, die nur zwei Verschnaufpausen haben, der Rest ist aus einem Guss. Igor Levit am Klavier hat den ersten Einsatz – und mittlerweile sehnt man sich schon beinahe nach Patzern, es geht ins Übermenschliche, wie hier auch am vierten Tag der Kammermusik-Akademie wieder gegen die Obergrenze des Schönen gedrückt wird. Isang Enders fabelhaft am Cello, Bratschist Georgy Kovalek bissig. Der zweite Geiger Angelo de Leo lässt sich mitreißen; und Geiger Ning Feng kleckert, aber er kompensiert es im Ausdruck. Diese fünf Musiker müssen eine Wette am Laufen haben. Der Wettgewinn ist das Paradies – aber nur, wenn alle Bogenhaare im Spiel zerfetzt worden sind.
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