Von Adele Jakumeit
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Kammermusik ist tot! Ein für allemal! So dachten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vermutlich viele, als die ersten Grammophone und Radiosender aufkamen, als die populäre Musik aufblühte, als die bürgerliche Hausmusik-Kultur aus der Mode kam und sich in die Nische zurückzog. Aber längst hat die Kammermusik eine Renaissance erlebt, sie hielt Einzug in öffentliche Konzertsäle, eigene Programmreihen und eigene Festivals. Beim Heidelberger Frühling wird die schmucke Alte Aula der Universität nun schon im dritten Jahr zur Bühne für eine Kammermusik-Akademie, die entschieden mit dem Titel „Standpunkte“ für sich wirbt.

Das zweite „Standpunkte“-Konzert dieser Saison beginnt mit Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur op. 47. Schon in der langsamen Einleitung des Sostenuto assai entsteht der Eindruck, hier spielten nicht vier einzelne Musiker, sondern ein organischer Klangkörper, mit einem gemeinsamen Atem. Geiger Marc Bouchkov, eingesprungen für die erkrankte Veronika Eberle, entfaltet in den zarten Solopassagen des Andante cantabile behutsam eine Phrase nach der anderen, der Klang seines Instrumentes blüht wunderbar. Cellistin Simone Drescher und Georgy Kovalev an der Viola nehmen die Melodie auf, sie taucht ab in spannungsreiche Dissonanzen. Frank Dupree am Klavier schärft die Akzente, ebnet dynamische Differenzen.

Im Finale sprühen die Musiker Funken. Rasend schnelle Sechzehntelketten absolvieren sie ohne Hast, mit einer fröhlichen Gelassenheit, die ihre gesamte Lesart durchzieht und ansteckend wirkt. Es ist eine ungebändigte Spielfreude, die freilich die Kunst ernstnimmt, das Leben leicht. So tun auch kleine technische Ungenauigkeiten dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Hut ab!

Wenn der Pianist Igor Levit ein Stück von Frederic Rzewski spielt, spürt man, dass er von diesem Composer-in-Residence begeistert ist. Jeder Akkord spricht, jede einzelne Note hat Gewicht, jede Phrase Intensität, und trotzdem klingt die Musik spontan und frei. „Auf welcher Seite stehen Sie?“ Levit, künstlerischer Leiter der Kammermusik-Akademie, konfrontiert uns in „Which Side Are You On?“ mit einerseits streng durchkomponierter, andererseits frei zu improvisierender Musik. Dieses amerikanische Gewerkschaftlied aus den „North American Ballads“ wiederholt ein kurzes Motiv in Endlosschleife. Minimal Music? Levit gestaltet das, die kaum wahrnehmbaren Variationen von Agogik und Klangfarbe geraten so abwechslungsreich, dass man einfach immer weiter zuhören will.

Die zweite Ballade, „Winnsboro Cotton Mill Blues“, ist um einige Schattierungen finsterer. Zwischen hämmernden Clustern kringeln sich Mittelstimmen. Unter Levits Händen wachsen sie sich aus zu einer Schlange, kurze, mäandernde Töne werden begleitet von schrill kreischenden Oberstimmen. Szenenwechsel: Auftritt Gershwin. Es klingt nach Arbeiterblues aus den Dreißigern. Dieser Blick in die Vergangenheit wirkt bei Levit nie nostalgisch.

Zum Schluss: Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ op.4 in der selten gespielten Triofassung von Eduard Steuermann. Ein bisschen wirkt es, als hätte das Stück an diesem Abend den schwarzen Peter gezogen. Von Anfang an herrscht hier Schieflage, aus der die Musiker nicht recht herausfinden. Die Kräfte der Musiker sind gleich stark, ihre individuelle Dynamik hebt die Interpretation immer wieder aus der Balance. Es klingt, als wolle jeder etwas anderes, eine gemeinsame Richtung wird nicht klar. Auch so tritt wirklich Schönes hervor, wie das zartschmelzende Geigenvibrato Angelo de Leos und der überirdische Cellozauber Isang Enders. Abgesehen von Matan Porats dunkel herb intonierten Klavierpassagen aber kommen Düsternis und Selbstzweifel des Gedichtes, das der Komponist seinem Werk zugrunde legte, kaum zur Geltung. Ein verspielter Schönberg, eine verlorene Chance – es wird neue geben.

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