Von Christopher Warmuth
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Der Pianist Igor Levit ist kauzig. Keiner dieser preisgekrönten Klavier-Rassepudel, die Männchen machen müssen. Er will mehr als nur spielen, er will zwicken, vielleicht auch randalieren.

Beim Musikfestival Heidelberger Frühling richtete Levit zunächst einige Worte an das Publikum der von ihm konzipierten, mit etablierten und unbekannten Profi- wie Nachwuchsmusikern veranstalteten Kammermusik-Akademie. Es war eine Forderung zur zivilen Streitlust. Levit wünscht sich Zuhörer mit Standpunkt, die kämpfen. Mit ihm, der Musik und mit uns selbst sollen wir konfrontiert werden, erst dann werde Musik lebendig. Vor diesem Hintergrund wurde in der heimelig intimen Alten Aula der rote Faden des ersten Konzertes dieser Reihe gespannt, die nicht umsonst den Titel „Standpunkte“ trägt.

Standpunkt 1 also: Es beginnt mit Mozarts vertrautem zweitem Klavierquartett Es-Dur KV 493. Am Flügel sitzt Matan Porat, der seinen Part titanisch starr, ja bohrend spielt. Der Geiger Ning Feng weiß das zu nutzen, er umhüllt den Klavierton mit hauchfeinen Klangfäden. Theresa Kling, Viola, und Simon Eberle, Violoncello, hatten nicht die Möglichkeit, sich durchzusetzen.

In harschem Kontrast dazu das folgende Stück: Der Komponist Frederic Rzewski, Special Guest der diesjährigen Akademie, setzt sich selbst ans Klavier und spielt „Dear Diary“ von 2014.

Es handelt sich um einen fünfteiligen Zyklus für „sprechenden Pianisten“. In nüchternem Sprechgesang verwachsen die Texte aus Rzewskis Notizbüchern mit dem Klavierpart, sie sind unterhaltend, von ironisch würziger Abgründigkeit. In Nr.1, „Stuporman“ („stupor“ bedeutet: Benommenheit) droht eine fratzenhaft „hirnzernichtende Maschine“ mit vertracktem Rhythmus. Es geht um den Menschen an sich, dessen Fehler, sein Streben nach Individualität. „Thanks“, Nr.5, schlägt den Zuhörern dann nachhaltig ins Gesicht. Rzewski führt darin ein groteskes Selbstgespräch mit seinem Tagebuch, bei dem er sich bedankt, weil er allein in dessen Obhut existieren darf. „Dear Diary“ ist ein gellender Schrei nach Humanismus und bedingungsloser Freiheit.

 

Die Brücke zum zweiten umwerfenden Brocken des Programms sollte das Präludium von Alfred Schnittke „in Memoriam D. Schostakowitsch“ schlagen. Nur ging das nicht ganz auf, denn das Werk verlangt eine besondere Spatialität, die die Alte Aula nicht liefert. Eigentlich perfekte akustische Verhältnisse: alles aus Holz. Zwei Geiger sind durch weite Distanzen getrennt, Ning Feng spielt vorn auf der Bühne, Marc Bouchkov ist auf der Empore versteckt. Die subtilen Reibungen in dieser Musik brauchen freilich einen Raum, in dem sich die Töne mehrfach brechen und quasi aneinander abschmirgeln können.

Zum Schluß erklang das zweite Klaviertrio e-moll von Dmitri Schostakowitsch, wieder mit dem Geigenzauberer Ning Feng, mit Igor Levit am Flügel und Isang Enders am Cello. Diese Musiker geben einander Raum, sie nehmen sich ernst. Besonders kontrastiv gelingt der zweite Satz, darin die Melancholie einem obsessivem Tanz weicht, Geige und Cello lebhaft agieren, das Klavier verlässlich grundiert. Den dritten Satz beginnt Levit martialisch und trotzdem demütig. Der vierte Satz wurde Rausch, Fest, Überspannung.

 

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