Von Christopher Warmuth
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Wiederholungen können nerven, aber in der Musik sind sie ein Geschenk. Zwei Töne wechseln sich in acht Notenzeilen rasend schnell ab, ein ges und ein f, wie eine ausbuchstabierte Endlosvirtuosentrillerkette. Erst ist man als Hörer ratlos, dann beginnt man zu staunen, welche Kombinationen sich aus diesem banalen Melodiefetzen ergeben. Der Pianist Igor Levit spielt diese Passage aus den „North American Ballades“ von Frederic Rzewski nicht als brillantes Kabinettstück, um seine Fingerfertigkeit willen. Es ist vielmehr, als habe er auf diesen Moment nur gewartet, um die Musik explodieren zu lassen.

Auch am zweiten Festivaltag der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings steht wieder das Schaffen des Komponisten und Pianisten Rzewski im Mittelpunkt. Hier ist er, der wie eine verlorene Seele lange Zeit in der neuen Musik herumirrte und in keine Schublade zu passen schien, angekommen. Ja, es stellt sich heraus: Wenn einer so genial, so geistreich ist als Musiker, dass die Leute ihm gefesselt zuhören und mehr und immer mehr davon hören wollen, braucht es keine Schublade.

Wie bei den unterschiedlichen Tanzstilen aus aller Welt lassen sich auch durch überlieferte Balladen fremde Kulturen kennenlernen, lässt sich ihr Duktus dechiffrieren. Rzewski hatte seine vier nordamerikanischen Balladen 1978 für den Pianisten Paul Jacobs geschrieben – ein Jahr dauerte es, bis der letzte schwarze Klecks seinen Platz hatte. Jacobs wollte unbedingt eine Platte mit amerikanischer Musik aufnehmen, die sich wiederum unbedingt mit amerikanischen Thematiken befassen sollte. Diesem Verlangen kam der erklärte Antikapitalist Rzewski gerne nach. Er komponierte vier Protestlieder, in denen die damaligen Arbeitsbedingungen in Nordamerika angeprangert werden. In der Mischung verschiedenster Stile lässt sich diese Musiknicht festnageln, weder klanglich noch gedanklich. Verschiedenste Volkslieder werden zitiert, auch deren unterschiedliche religiöse Subtexte mit verarbeitet – eine kulturelle Vielfalt, die in schneidendem Kontrast steht zu den unmenschlichen

Bedingungen einer Arbeitswelt, die alles Individuelle zermalmt und nivelliert.
Kammermusik wehrt sich schon dank der kleinen Besetzung gegen die Gefahr des Verschlickens. Es ist eine private, für Individualitäten extrem durchlässige und transparente Form. Verhängnisvoll wird das für das diesen Konzertabend ab schließende Trio. Warum nur hat man diese unfassbar schwere Triobearbeitung von Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ aufs Programm gesetzt? Schon wenn die Musiker zu sechst spielen, wie im Original, ist es ein Kampf, dem Klangideal gerecht zu werden.
In der Triobesetzung gibt es erst recht keine Möglichkeit, sich zu verstecken, nicht voreinander, aber auch nicht hinter Schönbergs „Wagnerismus“. Zwar macht gerade die Transparenz dieser ausgedünnten Fassung deutlich, wie stark Schönberg in seiner tonalen Phase an der Wagnerschen Harmonik interessiert war, aber wir können hier auch schon hören, dass er quasi schon am Sprengkasten steht und nur noch zünden muss. Bei „Verklärte Nacht“ darf kein Zögern zu hören sein. Es gab Stellen in dieser Interpretation, die entsprechend klar und inspiriert gestaltet waren, vor allem dank
dem Cellisten Isang Enders. Auch dem Pianisten Matan Porat oder dem Geiger Angelode Leo merkte man das Bemühen darum an. Vielleicht war die Probezeit zu kurz, vielleicht das klein besetzte Stück einfach eine Nummer zu groß.
Gerade die Kammermusik lebt davon, dass etwas zwischen den Musikern passiert. In
Robert Schumanns Klavierquartett Es-Dur op.47 war es, als würden bei einem
kochenden Nudeltopf auf dem Herd Blubberblasen aus dem Schlitz zwischen Topf
und Deckel spritzen. Der Geiger Marc Bouchkov, eingesprungen für Veronika Eberle,
sprühte Funken. In Kürze einen so versierten Mentorenersatz für die Stipendiaten zu
finden, das grenzt an ein Wunder. Und Bouchkov hat sie alle angesteckt, Frank
Dupree am Klavier ebenso wie Georgy Kovalev an der Bratsche und Cellistin Simone
Drescher. Die Musiker lachten und grinsten einander zu. Zwar lief noch nicht alles
rund, es mangelte manchmal an Präzision. Egal! Wer es schafft, ohne Attitüde und
Distanz mit einer so famosen Spielfreude an Musik zu gehen, verdient eine Verbeugung.
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