Von Malte Hemmerich
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Es geht gut los. Drei Musiker spielen Robert Schumann. Sehr weit weg sind sie von romantischen Wohlfühltönen. Die „Romanze“ aus den Fantasiestücken op. 88 erfährt weder eine dramatische Steigerung, noch gibt es Mitsummpotenzial. Eindringlicher, unspektakulärer kann ein Konzert nicht beginnen. Und so packt es alle Zuhörer an diesem Abend in der Alten Aula sofort.

Es herrscht eine atemlose Aufmerksamkeit. In Blicken, Gesten und in Tönen erzählen Ning Feng an der Violine und Ildikó Szabó am Violoncello unmissverständlich: Jede neue Idee ist aufregend und unersetzbar mit den übrigen verknüpft. Auch der junge Pianist Frank Dupree spielt mit einer klaren Präsenz, die seine Spielpartner nie jemals zudeckt.

Diese Darbietung ist ein Ereignis, der mit Abstand gelungenste Konzertbeginn bisher in der „Standpunkte“-Reihe der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings.

Folgt etwas ironisch Karges. Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ in der Suite-Fassung für Klarinette, Violine und Klavier ist, anders, als im Programm ausgedruckt, an die zweite Stelle gerutscht. Funktioniert das gut? Nach dem langen Atem, der das Schumannstück beseelte, wirkt diese schnelle, bissig-scharfe Schauspielmusik wie eine kalte Dusche. In der von Strawinsky selbst bearbeiteten Triofassung klingt sie freilich zahmer und konventioneller, als im unverwechselbar instrumentierten Original. Der dreiteilig angelegte Tanzsatz glückt aber auf den Punkt, die auf der Teufelsgeige aufspielende Johanna Pichlmaier triezt ihre Instrument so überzeugend inbrünstig, dass sie hier, wie das sein muss, zur Hauptfigur wird an der Hörrampe und den soliden Klarinettisten Pierre Xhonneux, den inspirierten Pianist Igor Levit in Nebenrollen drängt. Ein geniales kollektives Rhythmusgefühl verbindet diese drei jungen Musiker.

Ins halbtotale Pianissimo taucht Franz Schuberts Notturno ab. Ebenfalls: eine Triobesetzung. Wieder ist Dupree mit im Team. Der Geiger Marc Bouchkov und die Cellistin Ildikó Szabó heben sich mit ihren punktierten Einwürfen deutlichst ab von seinen perlenden Klavierläufen, und dennoch wirkt das sympathetisch gemeinsam erzeugte Klangbild körperlos im Ton, ätherisch. So entsteht eine ganz besondere Stimmung: Das Nachtstück wird zur aufwühlenden Aufgabe.

Aber selbst das hat nicht vorbereiten können auf das, was folgt. Frederic Rzewski spielt und spricht – eine seiner seltenen, längst zur Legende gewordenen Melodram-Performances als „theatre pianist“. Das Stück „De Profundis“, 1991 komponiert nach einem Gefängnistext von Oscar Wilde, fordert allerdings noch mehr vom Interpreten. Er muss ächzen, stöhnen, singen, das Klavier und den eigenen Körper zum Schlagzeug machen, sogar eine Fahrradhupe kommt zum Einsatz. Dazu: irrwitzige, komplexe Klavierintermezzi. Und obwohl diese aktionsreiche Darbietung leicht als eine Parabel auf das Virtuosentum verstanden werden könnte, ja aufs Künstlersein, erzeugt sie keinen schlichten Aha-Effekt. Rzewski errichtet um sich herum eine Art Sperrbezirk. Der kann durchdrungen werden nur partiell, nur dank der Musik. Manches erreicht das Publikum. Anderes scheint dieser Verwegene lieber für sich behalten zu wollen. Auch das kann eine erschütternde Erfahrung sein.

 

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