Von Eleonore Büning
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Das fünfte und vorletzte Konzert der Heidelberger Kammermusik-Akademie war von Widersprüchen geprägt. Am Morgen danach trafen sich die Stipendiaten der Musikjournalismus-Akademie mit Stefan Dettlinger vom „Mannheimer Morgen“ zur ersten öffentlichen und kollektiven „Live-Gruppen-Musikkritik“ dieses Konzertes in der Stadthalle. Eleonore Büning moderierte. In drei Kurzkritiken fassen die Stipendiaten ihre Positionen zusammen:

Malte-Hemmerich_NEU_1500-1030x3431. Tastenblitze Von Malte Hemmerich

Am Tag fünf der Kammermusik-Akademie in Heidelberg lässt der Komponist und Pianist Frederic Rzewski Träume platzen. Wie Schläge ins Gesicht wirken die aggressiven Tastenblitze in seinem Stück „Dreams Part I“. Noch irritierender die ruhigen Passagen, sie kündigen fast die Kommunikation mit dem Publikum auf. Das Haydn-Trio Hob XV:19 wird dagegen archaisch, grandios, reinigend musiziert, Frank Dupree reizt quirlig alle Charakteristika seines Klavierparts aus. Sehr zügig das Schumannsche-Quintett op.44, aber nur bedingt aufregend. Spannung erzeugt Bratschistin Theresa Kling mit ihrem mal markanten, mal melodischen Ton.

teresa Roelke2. Licht und Leere Von Teresa Roelcke

Lupen bringen Papier zum Brennen, sofern die Sonne scheint. Und ein Musikerensemble, bei dem das Spiel Funken schlägt, das durch kristallklare Interpretation besticht? Am Freitagabend jedenfalls strahlt die ganze Alta Aula in Heidelberg im Lichte von Joseph Haydns Klaviertrio g-Moll Hob XV:19. Frederic Rzweskis Klavierkomposition „Dreams Part I“ dagegen, gespielt vom Komponisten, bleibt hermetisch. Bezieht sie sich auf irgendetwas? Grenzt sie sich ab? Schwebt sie im luftleeren Raum? Oder ist sie selbst einfach leer? Es ist auch eine Kunst, so völlig unnahbar zu sein. Robert Schumanns Klavierquintett zum Beschluss ist mit einem Schleier durchwirkt.

jakumeit_adele_portraitbild_23-1500x500-1030x3433. Blues und Bremse Von Adele Jakumeit

Mit ungewöhnlichen Interpretationen tanzt das vorletzte Konzert der Heidelberger Kammermusik-Akademie aus der Reihe. Eigenwillig akzentuiert, aber wie aus einem Guss spielen Marc Bouchkov (Violine), Ildikó Szabó (Cello) und Frank Dupree (Klavier) das Haydn-Trio g-Moll Hob. XV:19. Toll! Folgt Frederic Rzewski mit seinem Klavierzyklus „Dreams I“. Er spielt selbst. Jeder Cluster trifft wie ein Peitschenhieb, und im dritten Satz, dessen Blues von surrealer Pentatonik und hartem Präzisionsspiel unterminiert wird, tritt das Doppelbödige der Musik hervor. Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 rast bei Kim Won-Ho und Johanna Pichlmair (Violinen), Theresa Kling (Viola) und Charles-Antoine Duflot (Cello) nur so davon, und doch gelingen wunderbare Momente. Hervorragend Matan Porat am Klavier, der an den entscheidenden Stellen die Bremse zieht.

 

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