Von Anna Lang
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Es gibt Werke, die sind nicht zu denken ohne ihre Entstehungsgeschichte. Der französische Pianist Olivier Messiaen verbrachte den Winter 1941 als Soldat in deutscher Kriegsgefangenschaft in Görlitz. Im Lager traf er drei weitere Musiker an, einen Geiger, einen Cellisten, einen Klarinettisten. Und so komponierte er für diese außergewöhnliche Besetzung sein Quatuor pour la fin du temps. Es beschreibt nichts Anderes als die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes,  erzählt in acht Instrumentalsätzen.

Seither haben viele dieses Stück aufgeführt, es wurde zu einem Klassiker der Moderne. Auch die Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühlings setzte es jetzt aufs Programm. Die Stadthalle wirkt allerdings für dieses intime Stück fast zu groß, einige der subtilen Klänge verlieren sich in der Weite des Raums. Der Cellist Isang Enders und der Klarinettist Julian Bliss wirken mit, als Mentoren, außerdem als Stipendiaten die Geigerin Michiru Matsuyama und die Pianistin Elisabeth Brauß. Angenehm zurückhaltend nähern sich die vier Musiker diesem überaus pathetischen Werk. Der erste Satz, benannt Liturgie des Kristalls, beschreibt das morgendliche Erwachen der Vögel. Gemeinsam erzeugen der helle Klarinettenton und die zaghaft gespielte Violine eine schwebende Stimmung, bis die Pianistin in den Stillstand hineinprescht und der Engel erscheint, der das Ende der Zeiten verkündigt. Geige und Violoncello malen einvernehmlich dessen zartes Wesen aus, mit nun lieblicher Klavierbegleitung.

Erwachen der Vögel

Ein melancholisch fragender Vogel mischt sich ein. Bliss stellt ihn dar, mit einer Tongebung, die leise und klar angeschlichen kommt, wie aus dem Nichts, dann laut wird und sonor, um am Ende wieder so still zu gehen, wie der Klang auftauchte. Unglaublich facettenreiche Klangfarben hat dieser Klarinettist im Repertoire! Im Intermezzo dagegen ist die Balance der Lautstärken im Zusammenspiel der Instrumente noch etwas unausgewogen. Das Solo des Violoncellos, Lobpreis der Ewigkeit Jesu, spielt Enders erst filigran, dann blüht sein Ton wunderbar auf. Und nie wird zu dick aufgetragen in dieser delikaten Lesart, trotz aller Intensität der Darbietung. Den Tanz der Raserei jedoch, einen charakteristisch rhythmischen Satz, wünschte man sich prägnanter gespielt, differenzierter, aber auch brachialer.

Volle Farbenpracht

Den Wirbel der Regenbögen im siebten Satz zaubern die Musiker schließlich in voller Farbenpracht in die Luft, auch Violinistin Matsuyama wagt volle Tongebung,  und hauchzart und bewegend interpretiert sie im Finale, im Duo mit dem Klavier, den Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu: Göttliches wird in Erinnerung gerufen. Dass diese Lesart nicht bis zum Ende vollends perfekt gelingt, macht deutlich, dass Musiker keine Engel oder Götter sind, sondern Menschen, und Diener des Herrn.

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