Von Anna Chernomordik
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Wie viel kann man einem Orchester verzeihen, wenn der Ausdruck stimmt, aber der Rest so gar nicht? Schwierigkeiten in der Intonation und unpünktliche Einsätze – holprig tritt das Irish Chamber Orchestra seine dreijährige Residenz beim Heidelberger Frühling an. Ihr erster Gastdirigent, der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann, experimentiert gern mit Klängen und verlangt dem ICO eine extreme Bandbreite an Dynamik und Ausdruck ab. Das Orchester zog am Mittwoch enthusiastisch mit – so weit es konnte.

Kein Gedanke bleibt unbeachtet

Einfallsreich und nuanciert manövrierte Widmann sein Orchester durch die Werke des sehr jungen Felix Mendelssohn Bartholdy, die zwölfte Streichersinfonie und seine erste Sinfonie in c-Moll . Im ersten Satz der Streichersinfonie erinnerte das Orchester an einen summenden Bienenschwarm, eifrig arbeiteten sich die Streicher durch die Fuge hindurch. Doch anders als Bienen agierten hier die Musiker unter Widmanns Leitung solistisch, was bei den unterschiedlichen technischen Fähigkeiten leider auch seine Nachteile hatte. Die Iren sind kein stromlinienförmiges Orchester, sie lachten und plauderten in den Umbaupausen, was das Publikum irritierte. Dafür machten sie alles mit, was der Dirigent ihnen abverlangte, und wenn seine Intention durchkam, dann wirkte das wie ein Hammer der Erleuchtung. Wenn es nicht klappte, so ahnte man zumindest was gemeint war.

Kollektives Luftanhalten

Die lebhaften Frühwerke von Mendelssohn rahmten das Klavierkonzert KV 271 („Jeunehomme“) von Wolfgang Amadeus Mozart ein und verstärkten seinen „Sturm und Drang“-Charakter. Den ersten, glasklaren Ton so zu setzen, dass er wie ein transzendenter Energiepfeil das Publikum erschüttert, ist eine Gabe von Igor Levit. Leicht und perlend im Anschlag entfaltet jeder Ton eine starke Wirkung, sodass sich eine intime Atmosphäre einstellt. Das Resultat ist kollektives Luftanhalten. Durch den drängenden Duktus entwickelte sich im ersten Satz zwischen Solist und Orchester eine Tempojagd, die ein wenig aus dem Ruder geriet. Doch Widmann ließ dem Pianisten immer Raum. Im zweiten Satz spielt Levit leise, nachdenkliche Klagegesänge, bei denen man die Stühle im Saal knarzen hörte. Vor dem dritten Satz hätte eine Verschnaufpause gut getan, um die Dichte des Ausdrucks und die ungewöhnlichen Kadenzen zu verarbeiten. Sie hörten sich nicht mehr nach Mozart an, Artikulation und Manier waren unerwartet modern. Mit kapriziöser Leichtigkeit spielte Levit sodann seine Zugabe, das Waltz-Scherzo von Dmitri Schostakowitsch.

Widmann füllt die Bühne auch allein

Widmanns feines Gespür, wie er jede Phrase individuell angeht, spiegelt sich in einem Solospiel immer noch am deutlichsten. Bei seiner „Fantasie“ stand er mit der Klarinette allein auf der Bühne. Er begann mit einem Mehrklang, der auf das unruhige Publikum wie ein Signalton wirkte. Der tosende Applaus am Ende zeigte: Widmann ist der beste Anwalt für seine erfrischend zugängliche Musik. Als Komponist und Klarinettist geht er mit seinen Klangexperimenten an die Grenzen des Machbaren. Das Resultat ist eine sprechende Klarinette. Sie jault, quietscht und quengelt. Wutrede und Poetry Slam zugleich. Widmann spielt mit Klappengeräuschen und Verfremdungen. Den besonderen Umgang mit Klang überträgt er auch als Dirigent auf sein Orchester. Vor allem im dritten Satz der ersten Mendelssohn-Sinfonie klangen die Holzbläser wie rückwärts abgespielt. Sympathisch glühten die Gesichter der irischen Musiker, die seine Ideen umzusetzen versuchten. Vielleicht kam nur die Hälfte seiner Innovationen tatsächlich beim Publikum an, und in der Zugabe, Widmanns Mendelssohn-Bearbeitung „Andante“, war nicht mehr ganz klar, ob die Geigen-Flageolette freiwillig oder unfreiwillig nach singender Säge klangen. Schade.

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