Von Thilo Braun
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Dieser Kapellmeister wäre ein klarer Fall für die Psychiatrie. Er leidet unter Wahnvorstellungen, ist manisch-depressiv, im höchsten Maße cholerisch, ein schlimmer Alkoholiker. Warum? Die Musik ist schuld. Die von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erfundene Romanfigur des Kapellmeisters Kreisler, eine genial überzogene Personifizierung des romantischen Ideals, ist ein von der Welt missverstandener Künstler, der lieber zu Grunde geht, als sich den Zwängen der Gesellschaft zu beugen. Mit Anfang zwanzig wird Johannes Brahms von Hoffmanns Erzählungen so in den Bann gezogen, dass er Kreisler zu seinem alter ego macht: „Johs. Kreisler jr.“ schreibt er unter ein Scherzo, das den dritten Satz der „Frei-Aber-Einsam“-Sonate bilden wird, die er gemeinsam mit Robert Schumann und Albert Dietrich für den befreundeten Geiger Joseph Joachim komponiert.

Diese Sonate ist das Herzstück beim After-Work-Konzert, das der junge Geiger Marc Bouchkov am Mittwoch gemeinsam mit dem Pianisten Georgiy Dubko im Heidelberger Frauenbad gibt. Außerdem auf dem Programm: Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Wolfgang Amadeus Mozart und Camille Saint-Saëns. Wieviel Wahnsinn steckte in dem Brahmsschen Scherzo! Verzweifelt schreien die Geigentöne über den Hammerschlägen im Klavier, harsch lässt Bouchkov den Bogen über die Saiten fahren. Diese deutlich die Grenze des Schönklangs überschreitende Interpretation zieht den Hörer gerade deshalb in ihren Bann, weil sie absolut authentisch wirkt. „Frei aber einsam“, gesteht Bouchkov schon vor dem Stück, „sind wir Musiker auch“. Dies sei der Preis, den die Karriere fordert.

Mozarts Violinsonate B-Dur KV 454 erzählt etwas sehr Ähnliches, jedenfalls, wenn sie so kontrastreich gespielt und so krass phrasiert wird wie hier. Lustvoll wirbelt das Allegro daher, übermütig purzeln die Arpeggien im Klavier. Dazwischen, wie Peitschenhiebe, werden scharfe Akzente gesetzt. Auch, wenn es bei dieser Leidenschaft und dem Tempo ein paar Missverständnisse gab, das Publikum scherte sich nicht darum, gleich nach dem ersten Satz bricht ein begeisterter Applaus los. „Es kommen noch zwei Sätze“, erinnert Bouchkov, „aber wenn Sie mögen, klatschen Sie“.

Richard Wagner bezeichnete Mendelssohn als einen „Landschaftsmaler erster Klasse“, nachdem er dessen Hebriden-Ouvertüre gehört hatte. In dem im Konzert gespielten Arrangement von Georgiy Dubko für Geige und Klavier fehlt die Farbenpracht des Originals. Die wogenden Bassmelodien in der linken Hand verschwimmen, auch gestaltet Bouchkov seinen Geigenpart eher moderat. In Introduction et Rondo capriccioso von Saint-Saëns dagegen ist das Duo voll in seinem Element. Volksliedmelodien schwelgen im Pathos, ein halsbrecherischer Lauf jagt den nächsten, voll Leichtigkeit und Witz.

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