Von Thilo Braun
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Düstere Bass-Oktaven dringen aus dem Korpus des Flügels empor. Ohne Pedal, mit bedrohlich wirkender Zurückhaltung, eröffnet Marc-André Hamelin das Fugenthema. Dann geht plötzlich das Licht an. Friedvoll schwingt sich ein heller Kontrapunkt herab, ein magisches Wechselspiel kontrastierender Farben beginnt. Es ist dieses Neben- und Übereinander verschiedener Klänge, das Hamelins Interpretation von Ferruccio Busonis Kanonischen Variationen und Fuge so ungemein faszinierend macht. Jeder Ton scheint bewusst geformt, hat seinen eigenen Charakter und einen vorgeschriebenen Platz im Plan des Interpreten.

Alle Werke, die in diesem Mittagskonzert der Kammermusik Akademie erklangen, bezogen sich auf Johann Sebastian Bach. Verbindendes Element der gespielten Werke waren Stimm-Verflechtung und Variation. Busoni zum Beispiel hat das Thema aus dem Musikalischen Opfer verarbeitet, im Stile Bachscher Kontrapunktik, jedoch harmonisch wie melodisch verfremdet und vielseitig variiert. Woher kommt sie, die Schwärmerei unterschiedlichster Komponisten und Musiker für Bach? Die Frage stand am Dienstag auch im Fokus der Diskussionen und Vorträge über die Goldbergvariationen und die Kunst der Fuge, die das Konzertprogramm ergänzten.

Hamelins Passacaglia für Klavierquintett liegt eine barocke Tanzform zu Grunde, doch die Klangsprache ist eher spätromantisch, teils impressionistisch. Nach einem düsteren Thema im Klavier setzen nacheinander, vom Violoncello bis zur ersten Geige, die Instrumente ein, jedes mit einer eigenen Melodie. Für die jungen Musiker der Kammermusik Akademie ist es die Festivalpremiere – ein hochkomplexes Werk, bei dem der Komponist selbst den Klavierpart spielt. Was für eine Chance, was für eine Herausforderung!

Man staunt über das, was da in nur wenigen Tagen Probenzeit entstanden ist. Vom ersten Ton an betört Jonas Palm am Violoncello mit satt-kernigem Klang, der Bratschist Björn Sperling gesellt sich etwas verhaltener, aber umso feinfühliger dazu. Zupackend, strahlend, dramatisch spielen Angelo de Leo und Iona Cristina Goicea an erster und zweiter Geige, auch wenn sie im komplexen Gerüst kreuzender Melodien manchmal etwas zu dominant erscheinen.

Die Gegensätze des Werks, matt schimmerndes Säuseln gegenüber scharf akzentuierten Wutausbrüchen, sind gut herausgearbeitet. In den virtuosen Passagen schränkt die technische Herausforderung die Balance des Zusammenspiels stellenweise ein, mit der Folge, dass die von Hamelin sensibel gezeichneten Melodielinien überdeckt werden. Bewegend sind die leisen Momente am Ende des Werks, wenn entrückte Streicherklänge über einem zart vibrierenden Ton des Violoncellos schwirren, bevor eine fremdartige Klaviermelodie leise, Schritt um Schritt, immer höher klettert und schließlich entschwindet.

Ein Koloss ist Max Regers Introduktion, Passacaglia und Fuge für zwei Klaviere. Igor Levit und Marc-André Hamelin bereitet dieser virtuose Dauerlauf sichtlich Vergnügen: Krachend werfen sie sich die Töne zu, knöchern klappernde Läufe Levits toben über grummelnden Bassfiguren Hamelins. Auch dieses Werk kennt stille Passagen, jedoch erinnern sie eher an die Ruhe, die vonnöten ist, um den Sturm fürchten zu lernen. Der Tumult macht Spaß! Ein ausgewogenes Verhältnis der Stimmen vermisst man jedoch stellenweise. Am differenziertesten klappt das Zusammenspiel in der Fuge, wenn freche Melodien zwischen Hamelin und Levit hin und her hüpfen wie eine Herde von Eichhörnchen auf Speed.

 

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