Von Robert Colonius
Posted: Updated:
0 Kommentare

Manchmal sollten es wieder Klassiker sein! Es tauchen heute so viele Raritäten, Seltsamkeiten und  Neuigkeiten in den Konzertprogrammen auf, dass es auch mal möglich sein muss, sich einen Abend lang nur an Beethoven oder Brahms zu erfreuen. Allerdings: für die Interpreten ist dieser Schritt zurück  nicht ungefährlich. Die „Egmont-Ouvertüre“, das Doppelkonzert von Brahms – so ein Programm fordert Vergleiche heraus, es gibt unzählige, teils ultimative Einspielungen.
Als der erst neunundzwanzigjährige Dirigent Lionel Bringuier, seit zwei Jahren Chef des Tonhalle-Orchesters Zürich, zu seinem Debütkonzert in der Heidelberger Stadthalle aufs Podium kommt, findet er einen bis auf den letzten Platz gefüllten Konzertsaal vor. Die Erwartungen sind hoch. Und dann gerät ihm ausgerechnet Beethovens „Egmont“ zu einem Kleinhelden! Die schweren Akkordschläge zu Beginn, der Klagegesang, später das fiebrige Pulsieren in den Streichern – alles wirkt fremdartig dünn, ganz ohne Wucht. Bis zum Ende, ja, selbst in der fortissimowütenden Prestoaufgipfelung der finalen Siegesmusik, bleibt die Beethovensche Revolutionsmusik in dieser zahmen Schweizer Lesart so verhalten, als ob gar keine Tragödie stattgefunden hätte. Wozu siegen, ohne Kampf?
Auch Johannes Brahms, zumal dessen spätes Doppelkonzert für Violine und Violoncello, hadert immer wieder mit dieser klassizistisch-zurückgenommenen Grundhaltung Bringuiers. Doch jetzt nehmen die beiden Energiebündel Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon die Zügel in die Hand. Als sie, vom ersten kraftvollen Einsatz des Cellos an, Orchester wie auch Publikum mit sich reißen, da entfaltet sich reines Brahms-Glück. Doch geht es den beiden Musikern, die so symbiotisch miteinander spielen, als stünden sie auf ihrem eigenen Stern, nicht nur um Virtuosenrausch und Kraftentfaltung. Fast werden wir verlegen, diesem manchmal sehr privaten Dialog zwischen Geige und Cello zuhören zu dürfen.
Nach der Pause gibt es noch einmal Brahms, jedoch in Schönbergscher Verkleidung. Bei dessen Bearbeitung des Brahms’schen Quartetts op.25 g-Moll für großes Orchester, das selten live gespielt wird, aber überraschend oft eingespielt wurde, wünschten wir uns schon öfters das Original mit Klavier zurück. So auch an diesem Abend. Die vielen Sechszehntelpassagen, die ein Pianist wie Blitze in die Tastatur schlägt, gehen, übersetzt ins Bläserensemble, unter. Dagegen klingt alles Hymnische, etwa der Anfang des dritten Satzes oder auch einzelne Ruhepole im reißerischen Finale, sonor und füllig, und jedes Pianissimo wirkt wie ausradiert. Bringuier scheint freilich ein charismatischer Musiker zu sein, auch im Einvernehmen mit  seinen Musikern, der sich nur möglicherweise mit dieser entschieden klassisch-romantischen Programmfolge zu viel vornahm. Nächstes Mal vielleicht doch mehr Neue Musik?

Ähnliche Beiträge

Schubert trifft auf Messiaen beim „Standpunkte“-Konzert mit Markus Hinterhäuser, Igor Levit und dem...

Igor Levit stellt erstmals die „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson vor

Von heiligen Kriegern: Das Quatuor Debussy und Sebastian Koch mischen in der Hebel Halle „Worte und...