Von Berthold Schindler
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Treffen sich ein Geiger, ein Bratscher und zwei Cellisten zum Streichquartett. Das ist kein Witz, sondern Tatsache, denn genau für diese Besetzung hat Anton Arenski (1861-1906) sein Streichquartett Nr. 2 in a-moll geschrieben. Für den Kammermusiknachmittag im Heidelberger Ballsaal stand eine Luxusbesetzung zur Verfügung: Daniel Müller-Schott und Isang Enders bildeten den Doppelbass, Marc Bouchkov wirkte an der Violine, die Bratschistin Kyoungmin Park von der Festivalakademie komplettierte das Ensemble. Das Stück beginnt wie eine Komposition für Gambenconsort; die düstere, archaische Musik erhebt sich nur mühsam aus der Tiefe der drei Unterstimmen. Insgesamt lässt sich Arenskis Tonsprache in der Hochromantik verorten; er liebt lange Phrasen mit prächtigen Harmonien als rhetorisches Gestaltungselement, der zweite Satz besteht aus sieben Variationen zum Kinderlied „Legende“ von Tschaikowski in Anlehnung an dessen Kompositionsstil. Und wie dieser flicht Arenski Zitate aus dem russisch-orthodoxen Kirchengesang ein; im Finalsatz erzeugen die aus Terzen gebildeten Sequenzen eine meditative Raumatmosphäre.

Den nach der Tiefe hin verschobenen Klang zu hören, war ein besonderes Erlebnis. Im zweiten Satz wird die Violine zur einsamen Optimistin, während die anderen drei Schwermut verbreiten. Wenn sich die Celli gelegentlich doch einmal, und naturgemäß schwerfällig, in höhere Tongefilde bemühen, persiflieren sie den Geigenstrahl eher, als dass sie ihn unterstützten. Ab und zu lockert sich die Stimmung auf – wenn jemand ein Solo hat und der Rest den Begleitpart übernimmt, oft im spielerischen Pizzicato. Enders pflegt einen pathosgeladenen Duktus, die Offbeat-Einwürfe Müller-Schotts dagegen sind verschmitzt; die Bratschistin Kyoungmin Park spielt ihre Soli anfangs etwas schüchtern, ehe auch sie ihr Temperament in den Ton legt.

Zuvor gab es Lieder mit dem Tenor Simon Bode und Igor Levit am Klavier. Sie interpretierten Klassiker wie „Heidenröslein“ und „Der Lindenbaum“ von Franz Schubert oder Benjamin Brittens „The Salleys Garden“. Mühelos erklimmt Bodes Leggiero hohe Stellen wie in Wolfgang Amadeus Mozarts „Das Veilchen“ und „Es steht ein Lind“ von Johannes Brahms. Sein musikalischer Partner hielt sich spürbar zurück, Levit beschränkte sich auf die Rolle des Begleitens. Besonders gelungen waren das wenig bekannte Lied „An eine Stadt ‚Heidelberg’“ von Hanns Eisler sowie Schuberts „Erlkönig“. Bode deutete die Lieder dramatisch aus; bei Eisler funktionierte das, weil sich dieser Ansatz mit der filmmusikähnlichen Tonsprache gut vertrug, und der „Erlkönig“ gilt wegen der vielen Rollenwechsel und dem konkreten dramatischen Handlungsbogen ohnehin als Minioper.

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