Von Berthold Schindler
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Absalom ist tot. Der Schmerz bei seinem Vater, König David, ist unerträglich. Das inspirierte mehrere englische Renaissancekomponisten, den Text „When David heard that Absalom was slain“ zu vertonen. Das auf alte Musik spezialisierte englische Vokalensemble Gallicantus sang in der Heidelberger Peterskirche neben drei Vertonungen des Absalom-Stoffs eine Auswahl von Trauermotetten, die nach dem Tod des achtzehnjährigen englischen Kronprinzen Henry Frederick of Wales im Jahr 1612 in Auftrag gegeben wurden.

Sechs Männer- und zwei Frauenstimmen traten in verschiedenen Besetzungen auf, der Bariton Gabriel Crouch leitete das Ensemble, teils vom Pult, teils aus dem Kreis der Sänger heraus. Dies Letztere war aus mehreren Gründen keine glückliche Entscheidung. Grundsätzlich müssen derart versierte Vokalsolisten, zumal in kleiner Besetzung, nicht unbedingt geleitet werden. Wenn jedoch, wie hier, der Dirigent neben dem Pulsschlagen auch noch selbst mitsingt, kommt es gelegentlich vor, dass er nach einer Generalpause minimal früher einsetzt als die Kollegen; nicht immer gelingt die Koordination zwischen Gesang und Geste. Vor allem aber störte der optische Eindruck, denn die Bewegungen lenkten die Aufmerksamkeit weg von dem, was eigentlich im Zentrum stand: Gallicantus brachte mustergültig zu Gehör, wie glanzvoll es um die Vokalmusik im postelisabethanischen England bestellt war.

Crouch verstand es, viele Farben in den Motetten sorgsam herauszuarbeiten – bei einem reinen Lamento-Programm keine leichte Aufgabe. Neben dem Gefühl der Betrübnis wühlen den Trauernden eben auch andere Emotionen auf: wehmütige Erinnerungen, Ablehnung gegen das Unabänderliche, Wut, Resignation, schließlich die Annahme und der friedvolle Abschied – die menschliche Stimme ist das ideale Instrument, all diese Nuancen abzubilden. Gallicantus fand in jeder Phrase aufs Neue den treffenden Affekt, selbstgefälliges Schwelgen in den herrlichen Akkorden hätte Crouch wohl auch nicht durchgehen lassen.

Ein berückend schöner Ensembleklang entfaltete sich als Resultat eines bewährten ästhetischen Konzepts: Auf dem soliden Bassfundament (William Gaunt als Profondo) wird eine Klangpyramide errichtet, deren Spitze die schwebende Sopranstimme bildet, die mehr zu ahnen ist, als zu hören, so dass man etwas Himmlischem zu lauschen glaubt. Nur Kleinigkeiten standen der Vollkommenheit im Weg. Die technisch anspruchsvollen Piano-Einsätze der Sopranistin Zoë Brookshaw in hoher Lage gerieten zuweilen unsauber, und in den Stücken, in denen beide Frauen als gleichberechtigte Oberstimmen zu singen haben, beeinträchtigte die unterschiedliche Stimmfärbung – Brookshaw hat einen klaren Sopran, das Timbre der Mezzosopranistin Eleanor Minneys ist eher samtig – die sonst makellose Homogenität. Zwischen den Motetten gab es Lieder für Singstimme und Laute. Dabei stach der Altus David Allsopp mit technischer Sicherheit und gestalterischer Vielseitigkeit heraus.

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