Von Hannah Schmidt
Posted: Updated:
0 Kommentare

Es gibt Momente, die sind magisch. Zum Beispiel, wenn Musiker sich zu vergessen scheinen, so dass man fast meinen könnte, dass die Musik hinter dem Schleier des Gemachtwerdens hervortritt und anfängt, sich selbst zu machen. Entfesselt. Gewaltig. Ungebremst.

Das Fauré Quartett hat sich vor mehr als zwanzig Jahren in Karlsruhe gegründet. Dirk Mommertz (Klavier), Erika Geldsetzer (Violine), Sascha Frömbling (Viola) und Konstantin Heidrich (Violoncello) erwarben seither einige Routine, wobei sich Gewohnheiten einspielten, auch kleine Allüren, Marotten. Zugleich wuchsen aber die Möglichkeiten, das Zusammenspiel noch intensiver zu gestalten. Und so kann es passieren, dass alle vier im gleichen Moment hinter die Musik zurücktreten – wie am Dienstagabend in der ausverkauften Alten Aula. Felix Mendelssohn Bartholdys schönes zweites Klavierquartett op. 2 stand auf dem Programm, ein Jugendwerk, außerdem Robert Schumanns bekanntes Klavierquartett Es-Dur op. 47. Erstaunlicherweise war es dann aber gerade das Unbekannte, womit den Musikern Außerordentliches gelang. Toshio Hosokawa hat sein neues Klavierquartett den Faurés gewidmet, sie brachten das Werk in Heidelberg zur Uraufführung. Er habe Musik schreiben wollen, sagt der japanische Komponist, „die keinen Anfang und kein Ende hat“. Und tatsächlich klingt der erste vorsichtig anschwellende Geigenton so, als habe er schon die ganze Zeit über in der Luft gelegen. Bratsche, Violoncello und Klavier legen sich mit hinein in diesen pianissimo atmenden Klang, bevor sie sich in kanonischer Gestalt kreisend voneinander lösen, wieder zueinander finden und endlich davonwehen. Es ist, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft zusammengehalten.

Diese Uraufführung war das eigentliche Highlight des Quartettabends. Weil aber Konzertveranstalter immer fürchten müssen, dass das Publikum in der Pause geht, wenn neue Musik in der zweiten Konzerthälfte droht, wurde Hosokawa gleich am Anfang abgefrühstückt. Schade! Nach den ironisch-frechen Mendelssohnscherzereien und der langen Schumannelegie erinnerte sich wohl kaum noch jemand an seine Musik, die ja keineswegs zu Ende, nur nicht mehr hörbar war. Danach wurden die magischen Momente rarer.

Das Klavierquartett des vierzehnjährigen Mendelssohn entwickelt sich zu einer originellen Parodie. Im raffinierten Scherzo, erst recht im wilden vierten Satz, den die Musiker in irrem Tempo durchjagten. Mit ausholender Gestik, sogar mit kleinen Flirtblicken und augenzwinkerndem Lächeln rüschten sie ihre Interpretation auf zu einer Show. Ja, sie nahmen das Stück nicht gar so bierernst. Das war okay so, es wirkte witzig.

Schumann kam danach etwas zu kurz. An einigen wenigen Stellen litt sogar die Intonation. Bei einer Quartettformation wie dieser ist das natürlich Kritik auf hohem Niveau! Die Zugabe, das Andante aus op. 60 von Johannes Brahms, glückte wieder glanzvoll, das war der große Moment des Cellisten Konstantin Heidrich. Umwerfend.

Ähnliche Beiträge

Schubert trifft auf Messiaen beim „Standpunkte“-Konzert mit Markus Hinterhäuser, Igor Levit und dem...

Igor Levit stellt erstmals die „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson vor

Von heiligen Kriegern: Das Quatuor Debussy und Sebastian Koch mischen in der Hebel Halle „Worte und...