Von Miriam Stolzenwald
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Da sitzen sie an einem Klavier: Wolfgang Amadeus Mozart, Claude Debussy, Franz Liszt und Marc-André Hamelin, und spielen, was das Zeug hält. Der eine die hämmernden Bässe, der andere die brillanten Passagen im Diskant, der Dritte das Pianissimo und der Vierte die rasend schnellen Läufe. Das ist natürlich nicht wirklich so. Der einzige, der in der Heidelberger Stadthalle am Klavier sitzt, ist Hamelin. Kaum zu glauben! Schon nach wenigen Takten ist klar: Dieser Pianist besitzt übernatürliche Fähigkeiten. Wie sonst wäre zu erklären, dass er Orchester und flüsternde Stimme zugleich sein kann? Wie sonst kann sein Spiel nach einem einer Elefantenhorde gleichenden Fortefortissimo zu einem gaukelnden Schmetterling werden, der liebestoll über das Schwarz und Weiß der Tasten gleitet? Dabei sitzt Hamelin selbst stets seelenruhig, wie ein Fels in der Brandung, ohne auch nur einen Moment statisch zu wirken. Im Gegenteil. Seine auf natürliche Weise vollkommen dynamische Tasten-Zaubershow bringt das Publikum mit musikalischen Pointen in seinen eigenen Stücken immer wieder zum Lachen.

Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate D-Dur KV 576 ist angeblich eines der anspruchsvollsten Klavierwerke des Komponisten. Für Hamelin ist es gerade mal ein leichter Aperitif für das, was folgt. Erstaunlich die Klarheit der Artikulation dieses Werkes, es ist, als würde Mozart scheinbar direkt zum Publikum sprechen, man hört geradezu, wie er kichert, wie jeder Ton eine Bedeutung bekommt. Auch bei Claude Debussys „Images I“ bringt der Geschichtenerzähler Hamelin dem Klavier das Sprechen bei, und die Töne in „Reflets dans l’eau“ perlen wie Champagner.

Der in sich ruhende Klavierteufel Hamelin entlockt dem Klavier aber auch noch ganz andere Klänge. Während der Interpretation seiner eigenen „Pavane varié“ und „Variations on a theme by Paganini“ fragt man sich: ist das nicht ein Geigenflageolett im Hintergrund? Beethoven und Rachmaninow werden hier zu Zitatgebern; man mag fast meinen, sie sitzen auch mit in der Runde, denn es erweckt immer wieder den Anschein, als würden sich mehrere Stimmen am Klavier unterhalten. Und doch sitzt nur Hamelin am Instrument, mit nur zehn Fingern, und rückt sich im allgemeinen Tastenchaos, das er vollkommen selbstverständlich beherrscht, entspannt die Brille zurecht.

Der zweite Teil des Konzertes mit Werken von Franz Liszt war programmatisch vielleicht nicht mehr ganz so spektakulär wie der erste, stand diesem jedoch in nichts nach. Und Hamelin, der am Schluss offenbar erst so richtig in Spiellaune geriet, ließ nicht lange auf vier Zugaben warten. Das einzige Rätsel, das am Ende blieb, war die Frage: Wie macht er das bloß?

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