Von Berthold Schindler
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Herr Widmann, warum lieben Sie die Klarinette?

Es heißt ja „die“ Klarinette: Manchmal ist sie etwas launisch und will nicht so, wie man selber möchte. Aber in den glücklichsten Momenten kann sie etwas geben, was nur sie geben kann: Sie trifft, gerade im Pianissimo, gerade bei Mozart, mitten ins Herz. Wer das einmal erfahren hat, möchte nicht mehr ohne Klarinette leben.

Was ist Ihnen letztlich wichtiger: die Klarinette oder das Komponieren?

Ich kann das Komponieren vom Klarinettespielen nicht trennen, fürchte ich.  Ich gebe ja nicht meine eine Berufung an der Garderobe ab, nur weil gerade eine andere gefragt ist. Wenn wir Mozart spielen, dann ist für mich das Vordringliche in dieser Musik, zum Beispiel, die Harmonik. Das muss ich versuchen, umzusetzen. Da gibt es nicht einerseits die Theorie und dann das losgelassene Spielen, für mich gehört beides zusammen. Und umgekehrt übrigens: Bei jeder Note, die ich komponiere, bin ich Spieler. Eine Note ist ein Lebewesen, hat einen Körper, deswegen atme und schlage ich beim Komponieren, drücke beim Fortissimo fester auf.

Und wo verorten Sie den Dirigenten im Musiker Widmann?

Dirigieren ist eine logische Fortsetzung all dessen, übertragen auf ein ganzes Orchester. Ich fühle mich, wie beim Klarinettenspiel, als Teil derer, die Klang produzieren. Dazu kommt die Vorbereitung. Das, was Geste wird, ist ein Extrakt aus langer Beschäftigung mit der Partitur. Man sollte allerdings immer offen sein für Spontaneität. Mein Orchester, das Irish Chamber Orchestra, weiß genau, dass ich im Konzert bestimmt wieder etwas ganz anders mache, als in der Probe – aber eben mit dem Wissen, wie wir es geprobt hatten. Ich bin überzeugt: Selbst, wenn man im Konzert das Gegenteil von der geprobten Version realisiert, wird ein Destillat davon bleiben. Im „Jeunehomme“-Konzert gibt es unzählige neapolitanische Sextakkorde, in c-moll oder Es-Dur kommt ständig plötzlich Des-Dur, das ist das Fremdeste in dieser Musik. Wir ringen bis zum Schluss darum, damit ein Akkord so und nicht anders klingt. In dieser letzten Konsequenz unterscheidet ich nicht zwischen Spielen, Komponieren und Dirigieren.

Sie stehen ja nicht nur als Künstler in der Öffentlichkeit, sondern erheben auch die Stimme in kulturpolitischen Angelegenheiten. Sollten das alle Künstler tun?

Ich melde mich nur manchmal, bei ausgewählten Fragen, wenn kulturpolitisch etwas in eine ganz falsche Richtung läuft. So war das etwa bei der Entscheidung über die Zusammenlegung der SWR-Klangkörper. Vor zwei Wochen habe ich zur Eröffnung des Heidelberger Frühlings zusammen mit dem SWR-Sinfonieorchester Freiburg und Baden-Baden zwei Konzerte musiziert. Es ist ein Jammer, dass das eines der letzten Konzerte dieses Orchesters war! Nach wie vor ist die Entscheidung, die beiden SWR-Orchester aufzulösen und zu fusionieren, ein Verbrechen! Das sind natürlich alles Profis, die werden sich irgendwie zu einem neuen Orchester formieren, aber es bleibt trotzdem eine falsche Entscheidung. Das Freiburger Konzerthaus wird auch ein anderes sein. Denn es macht einfach einen Unterschied, ob du als Gast kommst oder dort daheim bist. Ich kenne beide Orchester gut – das Radiosinfonieorchester in Stuttgart ist fantastisch, ich habe oft auch mit denen gearbeitet. Aber die beiden Orchester sind komplett unterschiedlich. Wie bei Frankenstein werden da gewaltsame Dinge zusammengesetzt, die nicht zusammengehören. Es bricht mir nach wie vor das Herz. Und wenn so etwas passiert, dürfen wir Künstler nicht schweigen, das betrifft uns alle. Genauso schlimm ist es, wenn in einer kleinen Stadt das Theater geschlossen werden soll. Mit Schönberg gesagt: Kunst kommt von müssen, Kulturpolitik vielleicht auch.

Formulieren Sie auch in Ihren Kompositionen Kritik?

Das habe ich immer wieder versucht, vor allen in meinen Musiktheaterstücken. In „Das Gesicht im Spiegel“ geht es um das Klonen. Der Mensch kann es von seinen Möglichkeiten her, aber die ethische Frage ist doch: Darf er das? Da haben wir politisch problematisiert. Das Stück „Babylon“ spielt in einer alten Zeit, ist aber nicht weniger politisch. Vielleicht hat sich der Begriff aber auch geändert. Mein Lehrer Hans Werner Henze hat sich politisch sehr engagiert, hat agitiert, gegen marode Zustände ankomponiert. Das war in den Sechzigern und Siebzigern noch normal.

Heute nicht auch?

Ich werde manchmal darauf angesprochen, ob es eigentlich noch okay ist, wenn man seine Sache verfolgt, ohne ein politisches Statement mit abzugeben. Kann man es sich denn in diesem Verteilungskampf heutzutage noch leisten, zeitgenössische Musik zu machen? Da kann ich nur antworten: Ich muss diese Musik schreiben. Auch, wenn ich heute ein Stück schreibe, das nur die sublime künstlerische Ebene enthält – dieses Recht nehme ich mir heraus! Denn gerade das Erhabene, Sublime ist es doch, was wir immer mehr verlieren.

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