Von Hannah Schmidt
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eine Gemeinschaftskritik von Hannah Schmidt und Malte Hemmerich

Es gibt kein Wasserbecken mehr in dieser angesagten Disco-Location, die früher mal ein Schwimmbad gewesen war. Doch Igor Levit gelingt es trotzdem in dieser Nacht, das Publikum vom Fünfersprungbrett zu schubsen. Der Pianist trägt, zum Abschluss des Late-Night-Konzerts,  die „Fantasia Contrapunttistica“ von Ferruccio Busoni vor. Ein Wahnsinnsstück! Ein Tanz mit dem Teufel! Schwer zu spielen und deshalb auch selten gespielt, selbst im Busoni-Gedenkjahr – es gilt, den hundertfünfzigsten Geburtstag zu feiern – traut sich schier niemand, es aufs Programm zu setzen.  Und auch an den Hörer stellt diese Musik höchste Ansprüche, mit ihrer Zitatenfülle, ihrer kontrapunktischen Komplexität, ihren wehmütig-demütigen Hommagen an Johann Sebastian Bach, den Vater aller Dinge, aller Fugen. Eine bizarre Szene entsteht im Frauenbad. Angeduselte hocken auf niedrigen Pappkisten um das erleuchtete Klavier, wie bei einem geheimen Sektentreffen. Schunkelnd, schlafend, staunend, manche fassungslos, manche wie in Trance.

Busonis „Fantasia“ basiert auf Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge BWV 1080, einem Werk, das man eine musikalische Utopie nennen müsste, würde es nicht wirklich existieren. Mehr als ein Dutzend Fugen hat Bach geschrieben, denen nur ein kurzer musikalischer Gedanke zugrunde liegt, jede Fuge für sich sprengt in ihrem schrankenlosen Ideenreichtum die Grenzen der musikalischen Vorstellungskraft. Nur dreizehn der vierzehn geplanten Contrapuncti vollendete Bach kurz vor seinem Tod. Das Fragment der vierzehnten Fuge nahm sich ein gutes Jahrhundert später der Klaviervirtuose, Komponist und Dirigent Busoni vor. 

Seine Fantasia Contrapunttistica ist freilich weit mehr als nur der schwache Versuch, Bach zu Ende zu komponieren. Busoni hat ein kontrapunktisches Monstrum aus zwölf Sätzen erschaffen, mit eignen, neuen Ausdrucksformen. Levit, der seinen Themenabend  „Fuge“ im Frauenbad mit Kostproben aus der Bachschen Kunst der Fuge begonnen hat – die strengste Form der Musik im lockersten Setting des Heidelberger Frühlings -, läuft bei Busoni zu Bestform auf. Klanglich voll und vielfarbig, thematisch transparent, motivisch so filigran und illustrativ, dass aus der Riesenfuge ein Riesenvergnügen wird. Es sprüht, glitzert, funkelt, donnert, blitzt. Atemraubend die virtuose Perfektion, die Transparenz der Darbietung,  filigrane Themen kräuseln sich, Choralschlangen winden sich, alte Giganten kreuzen neu die Klingen. Perfektion zieht immer. Die Fuge lebt!

Was da im Frauenbad passiert ist in dieser Nacht, das kam uns am nächsten Morgen vollkommen unwahrscheinlich vor. Hatten wir diesen irren Musiker nicht kurz zuvor noch mit dem Irish Chamber Orchestra, mozartspielend, in der Stadthalle auf der Bühne gesehen?  Trug er nicht sogar noch immer das gleiche Hemd? War es ein Traum gewesen? Den anderen Zuhörern im Frauenbad mag es ähnlich ergangen sein. Der Applaus war überwältigend. Keiner wollte so recht nach Hause gehen.

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