Von Berthold Schindler
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Zum Mittagskonzert im Großen Saal kam ein musikalischer Leckerbissen auf den Tisch: ein thematisch klug komponiertes Programm für Klavier, Klavierquintett und Klavierduo, an dessen Anfang der Bezugspunkt des Konzerts, Johann Sebastian Bachs Musikalisches Opfer, stand. Igor Levit eröffnete mit dem dreistimmigen Ricercar aus dem späten Meisterwerk des Thomaskantors, und zwar auf eine Weise, die sich nicht den üblichen Kategorien zuordnen lässt. Das Thema wird bedächtig in den Raum gestellt, nachgerade zögernd und bescheiden exponiert, während man von anderen Interpreten meist ein in die Tasten gemeißeltes Manifest in die Ohren bekommt. Die zweite und dritte Stimme schleichen hinzu, bis die Polyphoniemaschinerie irgendwann heiß läuft und man sich wundert, wann sie nach dem denkbar schlichten Beginn überhaupt ins Rollen kam. Interpretatorisch entzieht sich Levit geschickt der Frage, wie man Bach auf dem Flügel in einem mittelgroßen, für Symphonik angelegten Konzertsaal zu spielen habe: historisch informiert oder in der konzertanten Aufführungstradition des 19. Jahrhunderts. Doch weder das Eine noch das Andere trifft zu. Levit denkt vokal, er lässt die Stimmen ruhig miteinander ins Gespräch treten, gewährt ihnen gerade genug Luft, um zwischen den Phrasen zu atmen, ohne den Puls zu verlieren. Nur die letzten Akkorde lässt er mit einem breiten Rallentando auspendeln.

 

Wie reizvoll ist hierzu der Kontrast, den Marc-André Hamelin dagegensetzt! Der ein Vierteljahrhundert ältere Kollege wählt für die Bearbeitungen des Musikalischen Opfers durch Ferruccio Busoni einen jugendlichen Duktus, entschlossen führt er die Zuhörer durch Fuge und Variationen hindurch. Gegenüber der Intimität bei Levit wirkt Hamelins forscher Tastenanschlag wie ein energischer Widerspruch, sodass Kontrapunktik nicht nur innerhalb der Werke, sondern auch zwischen den beiden Virtuosen das Motto der Kammermusikstunde ist. Bei aller stilistischen Verschiedenheit: Gemein ist beiden Pianisten der Anspruch, die Einzelstimmen hörbar zu machen, ihnen mal höhere, mal untergeordnete Bedeutung zuzuweisen.

 

Es erscheint dann nur folgerichtig, dass Levit und Hamelin für Max Regers Passacaglia und Fuge zu vier Händen sich vor zwei Konzertflügel setzen, um nach den so unterschiedlichen Ansätzen eine gemeinsame Lesart auszuknobeln. Es gelingt ihnen hörbar mühelos. Für heimlich erhoffte Stilcrashs sind die zwei Solisten zu versiert als Kammermusiker, außerdem bietet eine Reger-Partitur weniger Freiheiten als ein Barockstück, das keine vom Komponisten vorgegebene Dynamik- und Tempovarianzen kennt.

 

Vielmehr störte das Stück. Die Passacaglia war spätestens seit Bach eine Form mit ostinatem Bass und Dreiertakt, die bis ins vergangene Jahrhundert hinein vorwiegend für Orgel geschrieben wurde. Auch der große Organist und Bach-Verehrer aus der Oberpfalz, Max Reger, stellt sich in diese Tradition, doch seine wuchtigen, handbreitenspannenden, spätromantisch überladenen Akkordsequenzen liegen schwer im Magen. Was eine Hommage an das Leipziger Vorbild hätte werden sollen, gerät bestenfalls zu einer Karikatur einer Musikform, die ihre Wurzeln in der spanischen Tanzmusik hat. Da nützen auch die vielen schönen Harmonien nichts. Vielleicht hätte auch hier die Orgel das Stück in ein besseres Licht rücken und seinen harmonischen und dynamischen Prunk mit ihrem Klangfarbenreichtum vorteilhafter abbilden können.

 

Ein erfrischendes Intermezzo hingegen war Marc-André Hamelins Passacaglia für Klavier und Streichquartett; sie wirkte entschlackt und uneitel ohne die regerschen Manierismen. Ensemblequalitäten sind gefragt, wenn das Klavier hier die Streicher mit Tempoverschärfungen auf Trab hält, dort sich zurücknimmt, etwa wenn die erste Violine eine feine Melodie spielt oder das Streichertutti unter sich eine Minifuge entfaltet. Und von den Kammermusik-Akademisten – Angelo de Leo, Ioana Cristina Goicea (Violinen), Björn Sperling (Viola) und Jonas Palm (Cello) – würde man sich schon nach der Handvoll Tage gemeinsamen Musizierens wünschen, dass sie in dieser Konstellation auch über die Heidelberger Zeit hinaus zusammenblieben.

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