Von Maximilian Maier
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Außer Herbert Grönemeyer haben sich auch schon Nastassja Kinski, Michael Maertens, Katherine Hepburn und viele andere mehr mit Robert Schumann, seinem Leben, seiner psychischen Erkrankung und seiner verhängnisvollen Ehe mit Clara beschäftigt. Jetzt hat das Podium Festival in Esslingen in Kooperation mit dem Heidelberger Frühling ein neues Schumannprojekt namens „Szenen der Frühe“ herausgebracht: eine Melange aus Musik, Tanz und Videoinstallation.

Zu Beginn sieht alles nach traditionellem Liederabend aus. Der Bariton lehnt am Flügel und singt „Schöne Wiege meiner Leiden“. Im Hintergrund illustrieren Bilder aus Schumanns Leben, die wenigen Originaldokumente, die es gibt: Fotos der jungen, aber auch der alten Clara, der Kinder, Stiche der Orte, wo er gelebt und studiert hat. Das hat etwas von einem Diavortrag im Pfarrheim, bei Clara Schumanns Porträts träumt man sich in D-Mark Zeiten zurück. Eine Wohlfühlatmosphäre, die sich schlagartig ändert, als ein Tänzer die Bühne betritt. Er wirbelt zur Schumannschen Klaviermusik umher, Auszügen aus „Papillons“. Inzwischen versucht der Bariton, diese Quirligkeit zu domestizieren, mehrfach befiehlt er dem Tänzer, seinen Notenständer aufzuräumen, oder sich zu setzen.

Diese Umsetzung der Bipolarität – hier der geordnete, angepasste Schumann (der Bariton), dort das wilde, gefährdet sich verströmende Genie in Person des Tänzers –  ist die szenische Idee des Regisseurs Daniel Pfluger und seines Dramaturgen Michael Gassmann. Sie funktioniert gut. Manches, etwa das sich öfters wiederholende Patschen mit der rechten Hand an den Kopf, läuft Gefahr, langatmig zu werden, oder auch missverständlich: zerstörte Pianistenkarriere wegen des Erlahmens der Hand? Ungreifbarkeit von kompositorischen Einfällen? Aber es gelingen auch starke und witzige Bilder, besonders dank der beeindruckenden Projektionen der Firma BärTigerWolf. So, zum Beispiel, die sich verändernden Regentropfen, bei denen man es förmlich plätschern und glucksen hört. Oder der Strudel sich wandelnder geometrischer Figuren, der, im Zusammenspiel mit „Stainless Steel“ von Donnacha Doherty, sich auswächst zu einem orgiastischen Trip. Wahnsinn, wie Clara Schumanns große Mädchenaugen plötzlich beginnen, in ihren Höhlen zu rollen! Es ist zum Fürchtenmachen.

Das Ensemble warf sich mit Feuereifer ins Zeug. Das Streichquartett, dessen Primgeiger, wie als augenzwinkernde Reminiszenz an jenen anderen Liederfürsten, Franz Schubert ähnelt, unterstrich dies mit besonders lebhafter Spielweise. Sebastian Seitz sang Schumanns Lieder sehr schön, mit hoher Textverständlichkeit und Pianokultur. Hervorragend begleitet wurde er von Nicholas Rimmer, der den ganzen Abend in seiner musikalischen Struktur vom Flügel aus lenkte und formte. Der Tänzer Davidson Jaconello, mit  knisternder Energie und ausdrucksstarker Physis, stand im Zentrum der Szene. Und wenn am Ende eines solch komplex gedachten, kompliziert gebauten Stückes, bevor der Applaus aufbrandet, erst einmal lange absolute Stille herrscht, dann spricht das für sich.

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