Von Thilo Braun
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Tianwa Yang und Nicholas Rimmer beim Schlussapplaus, wie sie bescheiden ins Publikum lächeln, mit Geigenfleck, mit glühenden Wangen: glücklich. Nach zwei Stunden Konzert in der Alten Aula mit Werken von Robert Schumann, Wolfgang Rihm, Wolfgang Amadeus Mozart und Johannes Brahms strahlen die beiden noch immer eine ansteckende Gelassenheit aus. Ihr Spiel jedoch steckt voller Temperament.

Schroff knallten die ersten Klänge von Schumanns dritter Violinsonate heraus, kratzige Geigenakkorde mit wuchtigem Unterbau. Schon drei Takte später die erste Verwandlung: Zarte Liegetöne aus Yangs Geige kontrastierten zum Rumor der Nachschläge im Klavier. Solche schnellen Stimmungswechsel ziehen sich durch die ganze Sonate, von Schumann kompositorisch erdacht, werden sie in der Interpretation des Duos zum fesselnden Element.

Der zweite Satz ist ein langsames Intermezzo, das Schumann ursprünglich für die „Frei-Aber-Einsam“-Sonate geschrieben hatte, ein Gemeinschaftswerk mit Johannes Brahms und Albert Dietrich. Es steckt voll schwelgender Melodien, was leicht kitschig werden könnte. Das Duo überschreitet diese Schwelle nicht, Yangs Geigenton ist filigran, das Vibrato fein dosiert.

Es ist die Kunst der Zurückhaltung, die Yang und Rimmer beherrschen, weder Melodie noch Begleitung drängen sich vor. So bleibt Raum für Details, ein kleiner Akzent im Klavier weist den Weg zur neuen Klangfarbe, ein minimales Crescendo des Geigentons kann reichen, um Nicholas Rimmer mitzunehmen in die neue Phrase.

Diese Konzentration auf den Partner wird einerseits durch technische Souveränität möglich; vom ruppigen Springbogen bis zum flüsternden Flageolett-Ton kennt Tianwa Yang alle Ausdrucksfarben ihres Instrumentes aus dem Effeff. Nicholas Rimmer wahrt selbst bei rasenden Läufen das Gefühl für Phrasierung und Dynamik. Andererseits setzt sie die intensive gemeinsame Beschäftigung mit dem Werk voraus, was sich besonders an Wolfgang Rihms „Phantom und Eskapade“ zeigt.

2012 haben Tianwa Yang und Nicholas Rimmer sämtliche Werke für Violine und Klavier von Rihm auf CD eingespielt, die Komposition ist ihnen vertraut. Der Zuhörer dagegen ist mit einer permanenten Unsicherheit konfrontiert. Rihm reiht unterschiedliche Impulse aneinander, blubbernde Klavierklänge stehen sirrenden Geigentönen gegenüber, scheinbar harmonische Melodien verirren sich ins Nichts. Als das Stück nach knapp zwanzig Minuten ebenso willkürlich endet, wie es begonnen hat, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis der erste Klatscher die Stille durchbricht.

Wer sich von Mozart oder Brahms Entspannung erhofft hatte, wurde – Gott sei Dank – enttäuscht. Auch die zweite Brahms-Sonate in A-Dur profitierte von der Vielfalt der Klangfarben und Dynamik. Der zweite Satz der Mozartschen e-Moll-Sonate KV 304, ein von einem melancholischen Hauptthema verzaubertes Menuett, erinnert im raschen Tempo an eine Spieluhr. Berührend sind besonders die Dur-Themen darin, die zärtlich, zweifelnd, Hoffnung beschwören.

 

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