Von Robert Colonius
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Jeder Meister fällt vom Himmel. Als Felix Mendelssohn Bartholdy seine zwölf Streichersinfonien beendet hatte, war er gerade einmal vierzehn Jahre alt. Wolfgang Amadeus Mozart komponierte mit einundzwanzig sein bereits neuntes Klavierkonzert „Jeunehomme“ KV 271. Und Jörg Widmann, der Tausendsassa, der am Mittwochabend beim Heidelberger Frühling wieder als Dirigent, Klarinettist und Komponist zu hören war, hat mit zwanzig eine Klarinettenfantasie geschrieben, die alle denkbaren Möglichkeiten des Instruments auszuloten scheint. Selbst gespielt hat er sie natürlich auch noch.

 

Wenn ein brillanter Kopf wie Widmann sich also nichts als Werke frühvollendeter Komponisten vornimmt, sich den schillerndsten jungen Pianisten Igor Levit als Solisten holt, sollte einem Musikwunder eigentlich nichts im Wege stehen. Doch leider kommt es nicht dazu. Denn das Irish Chamber Orchestra spielt ja noch mit. Doch will es nicht so recht.

 

Ein alter Streit entzweit die Musikwelt. Ob man denn alles (Neo-) Barocke mit oder ohne Vibrato zu spielen habe? Bei dieser Frage ist man sich innerhalb der Stimmgruppen an diesem Abend nicht einig. Mendelssohns letzte Streichersinfonie steht damit auf wackeligen Beinen, wo sie doch die selbstbewusste Bach-Hommage eines Wunderkinds ist.

 

Bei dem Klavierkonzert, ein unbegreiflich frühreifes Mozart-Mirakel, werden echte Defizite hörbar, besonders in den Violinen. Nicht nur die Intonation, auch der fast permanente Kratzbürstensound lenken davon ab, dass Levit mit schlichtem, aber sehr wachem Ton die Passagen gestaltet. Dabei nimmt er sich auch agogische Freiheiten heraus. Improvisiert er die Kadenzen, die es in jedem der drei Sätze gibt? Das wäre Erklärung dafür, dass der Wiedereinsatz des Orchesters meist ungelenk und wie überrumpelt wirkt. Im traurigen Andantino, vielleicht die größte Musik, die Mozart je komponiert hat, entstehen allerdings kurze Momente, die nicht einfach nur schön sind, sondern betroffen machen. Darauf rauscht das Prestofinale vorbei.

 

Nachdem Widmann, einsam auf der Bühne, das Publikum mit seiner hochvirtuosen Fantasie begeistert hat (wie gern hätte man mehr von ihm gehört!), steht noch einmal Mendelssohn auf dem Programm. Die erste Symphonie op. 11 für volles Orchester entfernt sich von Bach und gerät in Beethovens Schatten. Hierzu passt die ruppige Art des Irish Chamber Orchesters wesentlich besser. Der letzte Satz gelingt feurig. Trotzdem ist man froh, dass die scheinbar endlosen Sechszehntel doch ein Ende finden.

 

Schweißgebadet verabschiedet sich Widmann, nachdem ihm Intendant Thorsten Schmidt als Conférencier eine kleine Pause verschafft hat, mit seiner aparten Bearbeitung des Andantes aus Mendelssohns Es-Dur Klarinettensonate, samt Harfe und Celesta. Das Original schrieb Mendelssohn mit fünfzehn.

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