Von Maximilian Maier
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Gabriel Crouch hat sich schon früh dem Gesang verschrieben. Er stammt, wie viele englische Spitzensänger, aus der großen Chortradition seiner Heimat. Schon als Kind war er Solist bei der Hochzeit von Prinz Andrew mit „Fergie“, die damals in der Regenbogenpresse für Aufruhr sorgte. Heute ist Crouch Dozent an der Princeton University. Für Gastspiele in Europa hat er nur selten Zeit, die Anreise aus den USA ist ihm zu weit und zu kostspielig.

Umso schöner, dass es nun für den Heidelberger Frühling geklappt hat. Crouch gab ein Konzert mit seinem Ensemble „Gallicantus“. So wurde früher mancherorts das erste Gebet der Mönche genannt. „Ich finde die Vorstellung faszinierend, dass jeder neue Tag mit Gesang begrüßt wird. Wenn der Hahn am Morgen kräht, ist das im Prinzip auch so. Nur, dass es nicht so schön klingt”, meint Crouch lachend. „Gallicantus“ beschäftigt sich mit Vokalmusik aus der Renaissance. Die Besetzung besteht in der Regel aus zwei Countertenören, zwei Tenören und zwei Bässen. Für das Konzert in der Heidelberger Peterskirche hat Gallicantus noch zwei Frauenstimmen dazugenommen. „Das kommt bei uns selten vor. Aber der Heidelberger Frühling steht so im Zeichen der kammermusikalischen Zusammenarbeit in ihrer ganzen Vielfalt, dass wir diese Farbe unbedingt mit dabei haben wollten”, erläutert Crouch. Das Programm beinhaltet darum auch Stücke mit wechselnden Besetzungen, von der siebenstimmigen Polyphonie bis zum Sologesang mit Lautenbegleitung.

Das Thema des Konzerts ist „Dialogues of sorrow“. Alle Werke wurden anlässlich des Todes von Prinz Henry Stuart verfasst, dem Enkel der legendären Maria Stuart und Sohn des Königs von England, James I. Als Thronfolger ruhten die Hoffnungen der ganzen Nation auf ihm. Als er 1612 plötzlich, vermutlich an Typhus, starb, löste dies eine Welle der Trauer im ganzen Land aus. Die bedeutendsten Dichter und Musiker verfassten Trauerlieder auf den Achtzehnjährigen. Darunter waren auch vierzig Vokalkompositionen. Aus diesem Fundus stellte Gallicantus sein Programm zusammen.

Aber was hat das mit Heidelberg zu tun? „Henrys Schwester Elisabeth war mit dem „Winterkönig“ verheiratet”, erklärt Crouch. „Dieser wurde später Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der seine Residenz hier in Heidelberg hatte.” Zu Ehren seiner englischen Gemahlin ließ er den Englischen Bau sowie das Elisabethentor im Schlosskomplex errichten. Speziell das Werk „Songs of Mourning“ von John Coprario beschäftigt sich direkt mit der Trauer des Kurfürsten.

Ob heute auch so ein musisches Echo auf den frühen Tod eines vielversprechenden Souveräns möglich wäre? Nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens sieht Crouch Parallelen zwischen Prinz Henry und Lady Diana. „ Auch sie unterschied sich in der öffentlich Wahrnehmung stark vom Rest der königlichen Familie, und viele Menschen haben Hoffnungen in sie gesetzt.” Tatsächlich sind auch zu Dianas Tod einige Lieder verfasst worden.

Der Klang, den Gallicantus in der Peterskirche erzeugt, zieht sofort in Bann. Jeder einzelne Part ist individuell gestaltet, und doch fügen sich die Stimmen zu einem homogenen Ganzen. So entstehen Ausdruck, Spannung und ein perfekt ausgeglichener, reiner Klang. Crouch führt das auf die englische Chorausbildung zurück, wo schon die Kinder zum schnellen musikalischen Lernen erzogen werden. „Bei uns wird intensiv geprobt und am gleichen Tag ist die Aufführung. So lernt man, andere Stimmen mitzudenken und musikalische Strukturen zu begreifen.” An der deutschen Chortradition gefällt ihm die gewissenhafte technische Stimmausbildung. Und die Chormusik deutscher Komponisten, besonders von Max Reger. Vielleicht kommt er ja wieder zum Heidelberger Frühling, dann mit einem deutsch-englischen Gemeinschaftsprojekt? „Das wäre eine tolle Idee!”, stellt Gabriel Crouch mit dem ihm eigenen Elan fest. „Wir sind gerne hier und das Ensemble will jetzt unbedingt Schnitzel essen. Das ist bei Gallicantus so Tradition.”

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