Von Nicole Burkhardt
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Viola da braccio heißt Armgeige. Kein Wunder also, dass die Bratsche so oft auf den Arm genommen wird. Oder? Wo der Ursprung der Witze liegt und was wirklich an den Vorurteilen dran ist, kann hoffentlich Volker Jacobsen erklären. Er bezeichnet sich selbst als einen „Edelbratscher“, das bedeutet: einen Bratscher, der ohne den üblichen Umweg über die Geige zur Bratsche gekommen ist.

 

 

„Hinter jedem Witz steckt ein Klischee und jeder Witz hat in gewisser Weise einen wahren Kern“, sagt Jacobsen. Und um diesen Triggerpunkt bei der Bratsche zu finden, schaut man in ihre Entwicklungsgeschichte. Der Ursprung der Streichinstrumente, die aus den Zupfinstrumenten entstanden sind, liegt in Asien. Anfangs war der Bogen noch ein einfacher Stock, mit einem Strick gespannt. Resonanzkörper war zuerst der Mund, wie es immer noch das Prinzip ist bei der heutigen vietnamesischen Mundgeige.

 

 

Später benutzte man Kürbisse, Nussschalen oder Holzkästchen, die dem Bogen die heutige Funktion gaben. Im europäischen Mittelalter spielte man die Fidel, dann kam das Wunder von Cremona: Vor allem dort, aber auch in anderen norditalienischen Städten, schufen geniale Handwerkerfamilien bis heute unübertroffene Streichinstrumente. Die Namen der Meister kennt man bis heute: Andrea und Nicola Amati, Gasparo da Salò, Andrea Guarneri und Antonio Stradivari. Aus zwei Prototypen entwickelte sich alles Weitere.

Die viola d´amore

Die viola d´amore ist eine Zwischenform aus beiden und wurde noch in der Romantik für spezielle Klangwirkungen eingesetzt. Sie hat fünf bis sieben Saiten. Johann Sebastian Bach verwendet sie gleich zwei Mal in seinem Arioso Nr. 19 und der Arie Nr. 20, der Johannes Passion. Stamitz, Telemann und Vivaldi haben Konzerte mit der viola d’amore geschrieben.

Die viola da braccio

Die viola da braccio (flach, mit gewölbtem Boden, Schallöchern in f-Form und vier Saiten auf einem gewölbten Steg) lag auf der Hals-Schulter-Partie auf, wurde also horizontal gespielt. Aus ihr entwickelte sich auch die Violine. Die Familie der viola da braccio unterscheidet sich von der viola da gamba durch die Haltung. Die viola da gamba wird auf dem Knie aufgestützt.

Im sechzehnten Jahrhundert wurden Alt- und Tenorinstrumente unterschiedlicher Größe gebaut, die bereits der heutigen Stimmung der Bratsche entsprachen: c, g, d’, a’. Auch die Korpuslänge von vierzig bis zweiundvierzig Zentimetern, die später für die Bratschenwitze keine unwichtige Rolle spielen wird, ist seither unverändert, bis heute. Alle Streichinstrumente haben sich seit dieser Zeit, also seit vierhundert Jahren, kaum verändert. Mit der Ausbreitung der Barockoper im siebzehnten Jahrhundert verschwanden die Gamben, deren weicher, leiser Klang den Anforderungen orchestraler Prachtentfaltung in großen Räumen nicht mehr genügte. Die Tenor-Viola musste als nächstes dem Violoncello weichen. Die Alt-Viola und das immer dominanter werdende Cello etablierten sich endgültig als Standardbesetzungen im Orchester.

„Es war die spezifische, eigenartige Klangfarbe“,  die Volker Jacobsen im Alter von sieben Jahren zu seinem Instrument brachte. Der Klang der Geige sei ihm zu hoch gewesen, das Cello zu groß und so landete er gleichsam in der Mitte. Der Korpus der Viola ist aber auch mitverantwortlich für die Witze, die über das Instrument gemacht werden. Für ihre Stimmung ist sie eigentlich zu klein: Ihr höchster Ton liegt eine Quinte tiefer als bei der Geige, der Korpus könnte im Verhältnis ungefähr 54 cm lang sein – was sie allerdings unspielbar gemacht hätte.  Diese Voraussetzungen machen es dem Spieler schwer: Die Bratsche ist ein schwergängiges Instrument und sie spricht langsamer an als die Geige.

 

Nicht zuletzt deswegen schrieb Johann Joachim Quantz 1752, dass die Bratsche „in der Musik meist für etwas geringes angesehen“ werde. Im Orchester übernimmt sie zu dieser Zeit nur eine stützende, allenfalls begleitende Rolle. Quantz bezeichnet sie als „Anfängerinstrument“, talentierte Schüler würden alsbald auf die Geige wechseln. Heute wird das Ganze umgedreht zum Klischee: Ein erfolgloser Geiger wechselt angeblich schnell mal zur Bratsche.

Als Professor an der Musikhochschule in Hannover unterrichtet Volker Jacobsen Schüler, die von der Geige kommen. Er weiß, dass neben dem Körperbau des Musikers auch die Motivation zählt. Warum sie gewechselt haben, ist immer seine erste Frage. Am liebsten hört er Argumente wie den „eigenartigen Klang“ der Bratsche oder „die strukturelle Veränderung im Orchester“,  womit die Möglichkeit angesprochen ist, dass Bratscher die Musik akustisch aus der Mitte erleben.

„Ein Geiger ist nicht automatisch auch immer ein guter Bratscher. Das ist ein Missverständnis!“

Mit der Geige anzufangen habe aber auch Vorteile: „Geiger bringen eine funktionierende Technik mit“, erklärt Jacobsen, „irgendwann findet jeder idealerweise sein Klangideal als Bratscher“. Durch seine Mentoren ist Volker Jacobsen schon während des Studiums in die Kammermusik „reingeschlittert“. Vor seiner Lehrtätigkeit ist Hannover war er von 1989  bis 2007 im Artemis-Quartett. Sein Instrument gewann erst im Verlauf der Musikgeschichte in der Kammermusik an Aufmerksamkeit: Haydn wirkte bahnbrechend mit seinen Streichquartetten, in denen er der Bratsche oft wichtige Aufgaben zudachte. Auch Mozart wies den Bratschen vor allem in seinen Streichquintetten Protagonistenrang zu, indem er die klassische Streichquartett-Besetzung um eine weitere Bratsche ergänzte und so eine besondere Klangfülle erzeugte.

Was haben eine Handgranate und eine Bratsche gemeinsam?

Wenn sie kommen, dann ist es zu spät (Volker Jacobsens Lieblingswitz).

Spätestens im zwanzigsten Jahrhundert hat sich die Bratsche vollständig emanzipiert. „Es gibt mehr Repertoire, als man in einem ganzen Leben Zeit hätte, zu lernen“, sagt Jacobsen. Hindemith, als „Gottvater“ des Instruments, sowie Benjamin Britten widmeten der Bratsche bedeutende Werke, auch Strawinsky und Schostakowitsch schufen zentrale Kammermusikwerke.

Dass die Bratsche zum Opfer vieler Witze wurde, ist also vielleicht auch eine Auszeichnung: Der eigentümliche Klang, ihr Bau, die Spielweise und ihre Ensemblerolle sind das Besondere an diesem außergewöhnlichen Instrument und zugleich die Basis für den Spott. Und wäre die Bratsche überhaupt die Bratsche ohne die zahlreichen Witze?

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