Von Nicole Burkhardt
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Was Goethe vom Streichquartett hielt, weiß jeder. Der zweite Geiger des Amadeus-Quartetts Siegmund Nissel sagte es so: „Ein Streichquartett ist wie eine Flasche Wein: Die erste Geige ist das Etikett, das Cello ist die Flasche. Und die mittleren Stimmen sind der Inhalt“. Und was, wenn noch ein Klavier dazu kommt? Ist das dann der Korken?
Eine ganz hervorragende Flasche Wein wurde den Besuchern des Mittagskonzertes am Donnerstag in der Stadthalle kredenzt. Stipendiaten der Kammermusikakademie spielten zusammen mit ihrem Mentor Volker Jacobsen das Klavierquintett op. 34 in f-moll von Johannes Brahms. Der hatte das Stück zuerst für ein Streichquintett konzipiert. Für diese Besetzung schien es zu wild und ausladend, so komponierte er es für zwei Klaviere um. Auch mit dieser Version gab der Komponist sich nicht zufrieden. 1865 kam die meisterhafte Endfassung für Klavierquintett.
Bescheiden, dunkel, zaghaft ertönt das Hauptthema, zu Beginn in allen Stimmen gleichzeitig. Sofort liegt Spannung in der Luft. Das Thema blüht auf, mit unbeschreiblicher Expression. Wie es sich auseinanderfaltet, das erinnert, in Anlehnung an das bekannte Goethewort von den
„vier vernünftigen Leuten“, die „sich untereinander unterhalten“ an einen Diskurs, der heftig ist und von Differenzen geprägt.
Dann sind wieder alle einer Meinung. Ein perfektes Zusammenspiel, in dem alle gleichberechtigt zu Wort kommen: Keiner überzeugt durch Lautstärke, jeder tut es mit der Klangfarbe seines Instruments. Diese Komposition ist ein Meisterwerk, und wie die jungen Interpreten es zum Leben bringen, geschieht auf meisterhafte Weise. Die Pianistin Elisabeth Brauß begleitet und leitet die Streicher souverän. Manchmal mischt sich der Klang des Violoncellos (Valentino Worlitzsch) mit dem tiefen Register des Flügels ohne merkbaren Übergang. In den dynamisch bewegten Passagen kann dem Zuhörer ein Schauder über den Rücken laufen, bei aller Klangwucht. Selten war ein Publikum so still zwischen den Sätzen. Kein Räuspern, kein Husten, niemand wagt es, sich zu bewegen. Um was wird es wohl im nächsten Satz gehen?
Das Andante beginnt mit einer liedhaften, sparsam akkompagnierten Klaviermelodie. Die beiden Geigerinnen, Milena Wilke, Christina Brabetz, übernehmen. Es sind nur fünf Kammermusiker am Werk. Doch die Stadthalle ist bis zum letzten Winkel voller Brahms, als wär‘s ein komplettes Symphonieorchester.
Ein rhythmisch hämmerndes Motiv, an Wagners Nibelungen erinnernd, leitet den dritten Satz ein. Die Stimmen entwickeln sich dynamisch, jeder Diskursteilnehmer erzählt etwas anderes, jeder wirft kraftvoll und überzeugend seine Aussagen ins Gespräch. Der letzte Satz beginnt bedachtvoll, langsam. Cello und Bratsche schwelgen in der Schönheit ihrer tiefen, erdigen Klänge. Selbstbewusst spielt dieses junge Ad-hoc-Ensemble, mit einer Professionalität und einer mitreißenden Energie, dass man, passiv im Publikum sitzend, Teil davon werden möchte.
„Mir ist nach dem Werk, als habe ich eine große tragische Geschichte gelesen”, sagte Clara Schumann über Opus 34 von Brahms.

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