Von Jonas Zerweck
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Der Frühling fragt: Wie verändert sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Eine Menge Antworten darauf stecken in den gut achtzig Seiten des Programmbuchs 2017. Musikfarben aller möglichen Länder treffen beim Festival aufeinander, Künstler erzählen von ihrer Heimat. Die Konzerte versprechen ein vielschichtiges Darstellen von Fremde, vielleicht verbunden mit der Hoffnung, das Publikum zum Nachdenken anzuregen. Aber kann ein Musikfestival überhaupt etwas dazu beitragen, unser soziales und politisches Zusammenleben mit zu formen?

Das „Standpunkte“-Festival ist ein kleines Kammermusikfest, eingebettet ins große Ganze, bei dem genau das in drei Konzertformaten ausprobiert werden soll. Erstens gibt es Konzerte mit Musik aus zwei einander fremden Regionen, zweitens erzählt ein Künstler von sich und der Kultur seines Landes, drittens stellt ein Programm eine besonders exotische Musikkultur in den Fokus. Und so können die Festivalgäste in nur einer Woche um den Globus reisen. Nur eine Region kommt zu kurz: „Standpunkte“ vernachlässigt den Nahen Osten.

Dabei wird doch unsere gesellschaftliche Realität sehr viel stärker von den aus Kriegs- und Notgebieten im Süden Zugezogenen geprägt, als, beispielsweise, von der Begegnung mit Koreanern oder Japanern. Nur bei drei Veranstaltungen lässt sich überhaupt ein Bezug zu den aktuellen Krisengebieten erkennen, nur bei zweien gibt es wirklich Musik aus der Region. Vier Musiker aus dem Mittelmeerraum treten in „erkundungen II“ auf, sie improvisieren Jazz, um eine gemeinsame Musiksprache zu finden – zwei der vier kommen aus dem Gebiet des Nahen Ostens, die anderen beiden aus Europa. Und bei „erkundungen III“ werden Werke zweier iranischer Komponistinnen aufgeführt. Dagegen hat der iranische Cembalist Mahan Esfahani nichts Arabisches im Programm, vielmehr alte und neue Musik des Westens, von Bach bis Steve Reich, von letzterem die notorische „Piano Phase“. Nachdem Esfahani vor einem Jahr in Köln aufgrund dieses Stücks Neue Musik vom Publikum verbal angegriffen worden war, wird an diesem Abend sicher niemand auf die Idee kommen, über die Kultur zwischen Kaspischem Meer und der Straße von Hormus nachzudenken.

Ja, doch, es gibt oder gab Musik aus dem Nahen Osten zu hören beim Heidelberger Frühling, etwa vom Pera Ensemble aus Jerusalem oder beim „Divan of Song“. Doch nicht in „Standpunkte“. Gerade bei der intim besetzten Kammermusikform, die auf besondere Nähe der Musiker untereinander und mit dem Publikum setzt, nimmt die Region nur wenig Raum ein. Damit verspielt das Festival eine Chance, und schließt einen Teil der aktuellen gesellschaftlichen Realität aus.

Bitte nicht falsch verstehen: Es kann nicht darum gehen, dass uns Flüchtlinge aus Syrien zur völkerverständigenden Erbauung ihre Musik vorspielen. Mitleid zu provozieren wäre genauso falsch wie ein, in welcher Form auch immer, mahnender Zeigefinger. Natürlich ist ein „Standpunkt“ immer nur ein persönliches Argument, eine Momentaufnahme. Überall wird von Rissen, von Krisen, von Kriegen berichtet, egal ob in Syrien, in Europa oder in Deutschland. Auch die Musiker treibt das um, mehr oder weniger. Und davon wollen wir gerne hören. Mehr.

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