Von Janis El-Bira
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Die erste Kritik gilt dem Kaffee. Er sei zwar dünn, aber es sei doch schön, dass es überhaupt welchen gibt. Darin ist sich unsere Runde einig. Mindestens ebenso dankenswert sind die zwei täglichen Mahlzeiten, der festivaleigene WLAN-Zugang, die Verlängerungskabel, Minzbonbons, Flipcharts und nicht zuletzt die weichen Betten, die uns, den Musikjournalisten, auf Vermittlung des Heidelberger Frühling von überaus herzlichen Gastfamilien bereitet werden. Beste Bedingungen also, um in Ruhe darüber nachzudenken, ob all die Musik am Ende des Tages nun entbehrlich, mittelprächtig oder grandios gewesen sein könnte.

Doch mit dem Nachdenken ist es nicht getan. Unser Geschäft ist die Kritik. Wir sind hier, um öffentlich zu urteilen über ein Festival, aus dessen Becherchen wir trinken und von dessen Tellerchen wir essen.

Zugegeben: Als Stipendiaten der Festivalakademie für Musikjournalismus sind wir nur bedingt freie Berichterstatter. Denn der Gegenstand unserer journalistischen Auseinandersetzung ist zugleich deren Ermöglicher. Müssten wir auf eigene Rechnung für unsere Verpflegung und Unterkunft aufkommen, wären wir nicht hier.

Durch diese und ähnliche „Inklusionsprojekte“ übernehmen neuerdings öffentlich finanzierte  Kulturinstitutionen zunehmend eine Fürsorger- und Ausbilderrolle für den journalistischen Nachwuchs, eine Arbeit, die in lange zurückliegenden Vorkrisenzeiten noch von den Redaktionen selbst geleistet wurde. Warum? Damit überhaupt noch jemand schreibt. Das grenzt schon an „content marketing“, sogar das hässliche Wort vom „embedded journalism“ ist nicht mehr weit weg.

Premierenfeiern, Theaterkantinen, Backstagepartys sind für Kulturjournalisten kein vermintes Terrain mehr. Kaum eine ambitionierte Theaterkritikerin, die sich nicht gelegenheitsweise als Dramaturgin verdingt. Kaum ein Musikkritiker, der nicht schon mal ein gefühliges Porträt über einen Künstler schrieb, der ihm vom Plattenlabel ans Herz gelegt wurde. Meist hat das finanzielle Gründe. Die Zahl derer, denen das Zeilengeld die Wohnung finanziert, ist überschaubar. Es gibt auch Fälle, da geht es nicht direkt ums Geld, sondern, analog zur Kunstwelt, um andere Tauschwerte.

Wie der Karlsruher Bildwissenschaftler Wolfgang Ullrich in „Siegerkunst“, einer überaus lesenswerten Betrachtung über die Vielgestaltigkeit des Kunstmarkts, herausfand, gibt es wechselseitige Nobilitierungsprozesse. Ullrich stellt fest:  Eigentlich müssten erfolgreiche zeitgenössische Künstler ihre Werke heute nicht mehr im Museum unterbringen, die immense Kaufkraft privater Interessenten ist stark genug. Trotzdem legen sie Wert darauf. Was im Museum hängt oder steht, ist qua Setzung beachtenswerte Kunst. Es handelt sich also um eine Frage des Prestiges. Mit dieser immateriellen Währung, in der Regel ihrer einzigen, können Museen am Kunstmarkt „dealen“. Sie müssen das auch, weil ihre Legitimierung zu einem nicht unerheblichen Teil davon abhängt, ob und wie viele Richters, Kapoors und Kusamas in ihren Räumen zu finden sind.

Einen vergleichbar prestigeträchtigen Raum wie das öffentliche Museum könnte man auch im guten, alten Feuilleton sehen. Es ist für jeden Kulturschaffenden, jeden Musiker, jeden Musikveranstalter, enorm wichtig, in den Feuilletons der Leitmedien abgebildet zu werden. Dabei geht es nicht nur um verkaufte Eintrittskarten. Es gibt zwar immer wieder Fälle, in denen der kommerzielle Erfolg durch Journalisten „herbeigeschrieben“ wird. Aber das ist längst nicht mehr die Regel. Stattdessen geht es um eine milieuspezifische Aufwertung: Wer im Feuilleton von F.A.Z., SZ oder ZEIT besprochen wird, rückt an die Rampe und ins Blickfeld einer ganz bestimmten Leserschaft, die zu den Meinungsbildern der Gesellschaft gezählt wird.

Letztlich funktioniert das Prestige-Spiel auch umgekehrt, denn die Leithammel unter den Kulturjournalisten haben ihrerseits einen Ruf zu verteidigen und einen „Marktwert“, den sie durch Exklusivstorys steigern müssen. Und unter all denen, die noch nicht zu den Leithammeln zählen,  geht in Zeiten des Zeitungssterbens sowieso die Angst um. Nicht auszudenken, wenn wegen allzu ehrlicher Berichterstattung plötzlich die Pressekarte für die aktuelle Burgtheater-Inszenierung oder das Rezensionsexemplar des neuen Jonathan-Franzen-Romans verweigert würde?  Das soll schon vorgekommen sein!

Allianzen dieser zweifelhaften Art, eine „entente cordiale“ zwischen dem Journalismus und seinem Gegenstand, hat es schon immer gegeben. Aber mit dem immer kleiner werdenden Handlungsspielraum des klassischen  Feuilletons verschieben sich zusehends die Vorzeichen. In dieser Krisenzeit greifen die Kulturinstitutionen, die ja letztlich auch auf Öffentlichkeit angewiesen sind, den Journalisten unter die Arme. Sie bieten allerhand Grundsicherungsleistungen an, und sei es Kaffee. Das ist zweifelsfrei eine gute Nachricht: Nach wie vor gefragt ist die „überlegene Welterfassungskompetenz“ des Journalisten – so hat Rainald Goetz das mal genannt. Doch auch die Nutznießer dieser Kompetenz haben ihre Krisen. So inszenieren Kulturschaffende,  die sich den Journalismus ins Haus holen, möglicherweise auch ihre eigene Souveränität: Sie erweisen sich als kritikfähig, beweisen Großmut und Sinn für Diskurs – und weisen sich sogar aus Mäzene aus.

Von hier führt kein Weg zurück. Schon gar nicht zurück in den alten Feuilleton-Elfenbeinturm, wo Gerhard Stadelmaier immer noch ab und zu seine bekannten Schwanengesänge anstimmt. Außer ihm kann heute wohl niemand mehr sicher auf dem Hochsitz hocken und mit dem Kritikergewehr die vorbeiziehende Kunstkarawane anvisieren. Wir Kritiker kommen nicht umhin, uns ein Stück weiter ins Gehege vorzuwagen. Und sollten dabei aufpassen, dass wir uns nicht selbst ins Knie schießen.

Unabhängigkeit ist ein großes Wort. Die Grenze zur Bestechlichkeit verläuft selten schnurgerade. Keiner beißt gern  die Hand, die ihn füttert. Also ist freiwillige Selbstkontrolle gefragt, Transparenz vor sich selbst das oberste Gebot. Schleicht sich der Komfort einer vom Konzertveranstalter bezahlten Hotelübernachtung nicht doch durch die Hintertür ein in den Tonfall der Beurteilung? Geraten Texte über befreundete Künstler nicht allzu leicht eine Spur zu nett? Und sei es nur, dass wir etwas nicht ganz so Nettes lieber weglassen? Auch dabei hilft Kaffee: Wach zu bleiben für das Wesentliche und den Punkt zu finden, an dem man ihn besser selbst bezahlt.

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