Von Jesper Klein
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Vergesst die erste Hälfte des Konzerts, jetzt wird alles besser.

Zielstrebig schreitet Pierre-Laurent Aimard zum Flügel, setzt sich und donnert das Anfangsmotiv aus Ludwig van Beethovens Hammerklaviersonate mitten hinein in den Applaus. Als wolle er dem Publikum sagen: Vergesst die erste Hälfte des Konzerts, jetzt wird alles besser. Doch die versuchte Rettung kommt zu spät.

Aber von vorne: Aimard hatte den Klavierabend in der Heidelberger Stadthalle mit Franz Schuberts achtzehnter Sonate in G-Dur eröffnet. Schubert erzählt im ersten Satz immer und immer wieder dieselbe Geschichte, beleuchtet ein vermeintlich simples Thema aus allen Perspektiven. Nun braucht aber jede Geschichte einen guten Erzähler, auch diese. Gerade Schubert braucht Interpreten, die seine Musik so wiedergeben, dass man zwingend folgen muss, sich nicht langweilt, gedanklich nicht abschweift.

Ein guter Erzähler sollte deutlich artikulieren, aber auch flüstern oder mit Nachdruck sprechen können. Eben so, wie es die Geschichte erfordert. Pierre-Laurent Aimard ist sicher kein schlechter Geschichtenerzähler, aber Schuberts Geschichte liegt ihm nicht. Er spielt analytisch klar und in einer recht hohen Grundlautstärke, als habe er Angst davor, so leise zu erzählen, dass etwas verloren gehen könnte, aber auch davor, aufdringlich zu wirken. Das zieht sich durch alle vier Sätze der Sonate.

Am Ende ist alles gesagt und wenig gewonnen. Die interpretatorischen Facetten, von denen die Musik mal innig, mal melancholisch eingefärbt ist, werden bei Aimard durch sein unflexibles Spiel nivelliert. Irgendwie klingt Schubert seltsam heiter, dabei ist er doch kontrastbunt und voller Tiefgang.

Im Gegensatz dazu ist Beethovens Hammerklaviersonate op. 106 ein Titan der Klavierliteratur, der vom Interpreten athletische Expressivität verlangt. Nach dem dramatischem Einstieg Aimards bleibt seine Lesart trotz ausdruckstarker Gestik musikalisch brav. Es fehlt an überraschenden Wendungen, an dynamischer Differenzierung.

Dies offenbart sich besonders stark im dritten Satz. Aus den Tiefen aufsteigende Oktaven lassen die Abgründe erahnen, die sich in der Musik auftun. Das Thema präsentiert Aimard in einem soliden Mezzoforte, das jegliche Möglichkeiten der Entwicklung zunichtemacht. Fast paradox wirkt da der Schlussakkord in fragilem Pianissimo. Schroffe Kontraste arbeitet Aimard im kolossalen Schlusssatz heraus. Und auch wenn er ihn in seiner durchaus überraschenden Ausdrucksstärke teilweise hastig übersteuert und sein Spiel in hohem Tempo an Klarheit verliert, erlebt der Zuhörer zum ersten Mal an diesem Abend eine Deutung, die betroffen macht.

Einzelne Töne wirken ungewöhnlich deplatziert. Das ist der Neuen Musik nicht einmal fern, der sich Aimard besonders gerne widmet. Passend dazu erklingen zwei zeitgenössische Zugaben: György Kurtágs Miniaturen „Und so geschah es“ sowie „Geburtstags Elegie für Judith“. Ob man nach solchen Monumenten überhaupt noch etwas spielen müsse, hatte Aimard vor der Zugabe das Publikum gefragt. Ja, man muss. Bei diesen Stücken ist Aimard ganz in seinem Element. Spannung liegt in der Luft.

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