Von Thilo Braun
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Thorsten Schmidt erzählt von früher, von den Ursprüngen seines Festivals, dem Heidelberger Frühling, den er vor einundzwanzig Jahren gegründet hatte und seither als Intendant modelliert: „Das Schönste ist gewesen, dass wir immer scheitern konnten!“ Den Satz sagt er nicht zum ersten Mal. Er spricht mit Nachdruck, man spürt das Herzblut.

Am Mittwoch dieser Woche wird ihm das gründlich versalzen. „Zeitgenössische Musik war hier nie ein besonderes Steckenpferd. Und wird es auch nie sein“, steht im ersten Journal der Heidelberger Musikjournalisten-Akademie zu lesen. Stipendiat Jesper Klein schreibt das in einer Glosse. Wie ist diese Kritik zu verstehen? Thorsten Schmidt ist wütend: Sein Festival hat eine eigene Komponisten-Akademie, seit jeher viel Moderne im Programm und allein 2017 dreizehn Uraufführungen! Und was sollte die Nebenbei-Bemerkung in der Konzertkritik von Stipendiat Max Rosenthal, es fehle „die konzentrierte Abendstimmung“, wo es sich doch, verflixt noch mal, um ein Mittagskonzert handelte? Und wie kommt Stipendiatin Ricarda Baldauf auf die Idee, dass ein „After Work Concert“ nichts weiter sein könne als ein Marketing-Gag, ein weichgebügeltes Format für „Babys, Freaks, Omas, Hunde“? Konvention langweilig? Falscher Ort konventionell? Ja, was denn nun? Das muss einem Konzertveranstalter und Impresario, der von seinen ersten Anfängen an das Ungewöhnliche ausprobieren wollte und damit oft genug gescheitert ist, richtig wehtun.

      Thorsten Schmidt

 

Am Donnerstag kommt Schmidt in der Schreibstube der Musikjournalisten vorbei. Am Anfang hängt eine Wolke aus Misstrauen, Unsicherheit und Spekulation im Raum. Erliegt da eventuell ein überempfindlicher Festivalleiter seinem professionellen Verteidigungsreflex? Sind wir es, die schlecht recherchiert und in der sprichwörtlichen musikkritischen Arroganz Mist gebaut haben?

Schmidt, O-Ton: „Es geht mir nicht darum, Fehler nachzuweisen! Aber was stört Euch so an den Konzertformaten? Was hättet Ihr gern stattdessen? Klassik nur um 20 Uhr?“ Höchste Zeit für eine kleine Geschichtsstunde. In den Neunzigern war der Heidelberger Frühling noch interdisziplinär. Es gab Musik, Kunst und Literatur,  an unterschiedlichen, teils abenteuerlichen Orten in der Stadt. Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ in der Backstube, Musik von Tōru Takemitsu im Palais Prinz Carl, Klassisches in der Turnhalle. Dahinter stand der feste Glaube, durch Musik sei die Gesellschaft zu verändern oder wenn nicht, dann wenigstens einige Menschen. Das spiegeln auch die alten Programmbücher des Frühlings: eine Mischung aus Doktorarbeit und Museumsführer. Philosophische Aufsätze stehen neben Komponistenportraits und Werkeinführungen, dazwischen gestreut Ästhetisches: Gedichte, Gemälde und immer wieder auch Notenbeispiele. Die Masse konnte damit nicht erreicht. Vor allem zu den Konzerten mit zeitgenössischer Musik kamen, wenn überhaupt, nur die Immergleichen. Thorsten Schmidt: „Es war ungeheuer schmerzhaft, wenn da auf der Bühne genauso viele Menschen saßen wie im Publikum.“ Er hat es mit Schwerpunkten probiert, um die Immergleichen zu vemehren. Eine Trilogie mit dem Komponisten Jörg Widmann programmiert, zum Beispiel. Weil auch das nicht klappte, erfand er das „Heidelberger Atelier“ mit komprimierten Konzertreihen. Auch damit: gescheitert. Während inzwischen immer mehr Publikum zu den  Kammermusikkonzerten des Frühling strömt, wenn klassisches Repertoire gespielt wird, bleiben die Reihen in den experimentellen Konzerte immer noch leer.

Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass der Frühling, der Zweidrittel seines Etats selbst erwirtschaften muss, heute vermehrt das tut, was so viele andere eben auch tun müssen, um als Festival zu überleben: eine Mischkalkulation. Das bedeutet: Es gibt Konzerte mit Tournee-Programmen großer Stars einerseits, um viel Publikum anzuziehen, für die Kasse. Und andererseits gibt es eigene, für den Frühling gebaute Herzensprojekte, bei denen das Publikum nicht durchgezählt wird. Schmidt: „Und 400 Leute, mittags, in einem Kammermusikkonzert mit unbekannten Stücken, das ist doch viel!“

Doch Scheitern ist heute schwerer als früher. Mit zunehmender Finanzlast ist auch der Erwartungsdruck von Sponsoren gestiegen: Das Festival braucht Aufmerksamkeit, Reichweite. Elfenbeintürme will niemand finanzieren. Aber deshalb ein „Wellnessprogramm“ anbieten? Für Thorsten Schmidt  ist das keine Alternative. „Beethoven in der Late Night Lounge, das ist doch keine Entspannungsmusik!“

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