Von Janis El-Bira
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Im Kreis drehen will sich dieses Konzert, weil seine Geschichte weder Anfang noch Ende hat. Es erzählt von der Geschwisterlichkeit der christlichen Konfessionen, vom Mit-, nicht vom Gegeneinander. Grenzen sollen verschoben, Richtungen umgekehrt werden. Und so geht das Licht, das zu Beginn dieses Abends als „Lumen Christi“-Ruf vom britischen Vokalensemble Voces8 hereingetragen wird, auch nicht im Osten auf, sondern entfaltet sich vom Westen her. Wer so anhebt, hat Großes vor.

Dass es an Ambition tatsächlich nicht mangelt, verdeutlicht nicht nur das Motto des Abends: „Im Osten und im Westen“. Auch die Ortswahl zeigt es. Denn der Heidelberger Frühling gastiert für seinen Beitrag zum Reformationsjubiläum an einer ehemaligen Frontstätte interkonfessioneller Konflikte: die Heiliggeistkirche. Ausgerechnet hier, wo einst eine Mauer mitten im Gotteshaus die Protestanten im Westen von den Katholiken im Osten schied, soll nun mit vokaler Sakralmusik über jegliche Differenzen hinweggesungen werden. Das alles auch noch getaucht in wechselnde Lichtinstallationen und verbunden durch die sphärischen Zwischenspiele des jungen kanadischen Komponisten Thierry Tidrow. Während seiner Interludien für Klarinette, Viola und Percussion soll das Publikum im Kirchenschiff wandeln, neue Blick- und Hörachsen erschließen. Wer starr sitzenbleibt, unterläuft die Idee einer Rundumperspektive, an der sich der Abend versucht.

Aber mit dem Umhergehen tut sich ein gut konditioniertes Klassikpublikum seit jeher schwer. Reicht es denn nicht, dass schon die Musiker hier pausenlos unterwegs sind und ihren Zuschauern mitunter die Rücken zukehren? Wohl deshalb erheben sich einige Zuhörer erst nach und nach von ihren Sitzen. Es beginnt zu wuseln, zu rascheln, zu tuscheln. Es dauert einen Moment, bis man sich inmitten aller Hochheiligkeit an das unvermeidliche Funktionsjackenknistern und Fußtrappeln gewöhnt hat.

Dann aber rückt zuverlässig die Musik in den Vordergrund und überzeugt ausgerechnet in ihrer collagierten Ausschnitthaftigkeit: Fast nichts wird hier als Ganzes präsentiert, kaum ein Stück dauert länger als wenige Minuten. Gerade dadurch aber werden stilistische Bezüge klar, entwickelt sich das Konzert zu einem kleinen Montagewunder. Frappierend gleich zu Beginn das Aufeinanderprallen des homophonen „O nata lux“ vom jungen Thomas Tallis mit der frühbarocken Pracht eines reifen Claudio Monteverdi. Und wie durch Schlaglichter hervorgehoben erlebt man entlang der Komponisten Tallis, William Byrd und Robert White die Entwicklung einer eigenständigen anglikanischen Kirchenmusik aus der katholischen – gipfelnd schließlich bei Purcell, dessen Hymnus „I was glad“ bereits aus einer fast liedhaften Keimzelle zu stammen scheint.

Die Musiker von Voces8 singen all das beseelt, mit makelloser Ensemblebalance und auch in den lateinischen und deutschen Textpassagen mit einem Hauch englischer Akzentfärbung. Sie ist ihrer Noblesse aber eher noch zuträglich. Berückend schön gelingen auch Credo und Gebet aus Rachmaninows Chrysostomos-Liturgie und dem „Großen Abend- und Morgenlob“, als Brückenschlag zur orthodoxen Kirche. Die Bässe steigen dabei wie in die Grüfte russischer Metropoliten hinab, während die Obertöne immer wieder von der Kirchendecke tropfen. Nur einmal, in der Mottete „Singet dem Herrn ein neues Lied“, gerät das Fugengeflecht etwas ins Schwimmen. Das liegt aber weniger an den Sängern als vielmehr am langen Nachhall. Denn da stehen Voces8 unsichtbar auf der höchsten Empore, während wir unten kreisen, dem Himmel so fern.

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