Von Jonas Zerweck
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Der Kalender ist ein Motor des Klassikbetriebs. Unaufhörlich erinnern Daten und Zahlen an Jubiläen, Todesfälle und Geburtstage sowie an alles andere, was beachtet werden muss. Komponisten, Musiker und Veranstaltungen dagegen dienen als Treibstoff,  und Gedenkveranstaltungen, CDs, Konzerte, ja, womöglich ganze Festivals sind das, was die Maschine auswirft.
In diesem Jahr ist wieder ein lange Vergessener dabei. Der deutsche Komponist südkoreanischer Abstammung Isang Yun würde 2017 seinen 100. Geburtstag feiern. Er ist eine Persönlichkeit, die für Korea, Nord wie Süd, wichtig ist, weil er für die Einheit seines Vaterlandes kämpfte;  ein Künstler, hinter dem eine Zeitlang die gesamte führende Musikavantgarde Europas stand; ein Mensch, der auf tragische Weise ein unstillbares Heimweh mit sich trug.

©Boosey & Hawkes, Bote & Bock, Berlin, Archiv

Als Isang Yun zur Welt kam, war Korea unterdrückt. Die Japaner hatten sieben Jahre vor seiner Geburt das damalige Kaiserreich besetzt und hielten es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Yun studierte in Korea und Japan, engagierte sich aber schon damals aktiv gegen die Annektion und setzte sich hohe Ziele: Er wollte die koreanische Kunstmusik entwickeln, sie sollte international Anerkennung finden und auch helfen, die koreanische Identität zu stärken. Yun komponierte an gegen den Versuch der Besatzungsmacht, die koreanische Kultur zu ersticken.  Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg teilten sich die Siegermächte Sowjetunion und USA das einstige Korea. Auch diesen Eingriff von außen nahm Yun sein Leben lang nicht an. Er kämpfte gegen die Teilung seines Heimatlandes. Bis heute hat sich sein Traum nicht erfüllt.
Im darauffolgenden Jahrzehnt, Yun hatte auch den Koreakrieg durchlebt, erhält er den Kulturpreis der südkoreanischen Stadt Seoul, als erster Komponist überhaupt. Mit dem Preisgeld reist er für Studien nach Europa. In Darmstadt trifft er auf die führenden Charaktere der westlichen Kunstmusik. Er komponiert zwölftönig, später seriell. Aber immer verschmelzen bei ihm Klänge der asiatischen Tradition mit der europäischen Moderne. So in seinem Werk „Gasa“, in dem zwei Schichten übereinander liegen: ein Zwölftongewebe, darüber eine melodische Struktur. Die Melodie besteht meist aus lang gehaltenen Haupt- und Zentraltönen, die in sich unterschiedlichen Akzentuierungen, Ornamente und Nuancen vereinen. Diese Töne bildeten für Yun einen wichtigen Bezug zur Musik der ostasiatischen Tradition.

Das Einstehen für die koreanische Kultur zeigt sich in all Werken Yuns. Dass er dabei stets von einer einzigen unteilbaren koreanischen Kultur ausgeht, nie von einer gespaltenen ausging, wird ihm immer wieder zum Verhängnis. 1963 besucht er erstmals Nordkorea und wird dort hofiert. Aus diesem Grund entführt ihn der südkoreanische Geheimdienst später in Bonn. Yun, seine Frau und andere Südkoreaner werden des Landesverrats angeklagt. Nach dem Prozess durch drei Instanzen, der sich über fast zwei Jahre mit Haft und Folter hinstreckt, fällt das Urteil: zehn Jahre Zuchthaus. Der Fall Yun geht durch die Medien, in Deutschland vor allem, aber auch international. Auch das Auswärtige Amt und viele Künstler, Komponisten und Musiker setzen sich für die Freilassung Yuns ein: Strawinski, Karajan, Stockhausen, Ligeti, Zimmermann, Zender. Mit Erfolg. Yun kehrt nach Berlin zurück, lehrt, er wird deutscher Staatsbürger und erhält das Große Bundesverdienstkreuz.
Vor 100 Jahren geboren, vor 50 verhaftet und nur durch größte internationale Aufmerksamkeit gerettet – doch heute?

Im Jubiläumsjahr 2017 erklingen Yuns Werke weltweit lediglich 66 Mal. Exakt die Hälfte dieser Aufführungen finden in Deutschland statt. Wenig überraschend: Yuns Werke werden in diesem Jahr am zweithäufigsten in Südkorea gespielt, nämlich 17 Mal – nur knapp mehr als ein Viertel aller Aufführungen weltweit. Aufgrund der politischen Isolation sind die sehr wahrscheinlich auch in Nordkorea stattfindenden Aufführungen nicht belegbar.

Diese Zahlen erzählen von Yuns Dilemma. Von den einen wurde er als Landesverräter verächtet, von den anderen nicht verstanden. Besonders auffallend: die wenigen Aufführungen in Südkorea, und das, obwohl Yun bis heute der international erfolgreichste Komponist klassischer Musik dieses Landes ist.

„Aufführungen von Yuns Musik sind heute unter der rechtskonservativen Regierung Südkoreas unerwünscht: Für Projekte, bei denen Isang Yun auf dem Programm steht, gibt es schlicht keine Gelder. Selbst das Kulturkonsulat in Berlin, das zuständig ist für die Kommunikation der koreanischen Kultur in Deutschland, darf bei Konzerten und Veranstaltungen keine Musik von Isang Yuns aufführen“,

erklärt der deutsche Cellist Isang Enders. Als Sohn einer koreanischen Mutter und eines deutschen Vaters hat er einen direkten Zugang zur westlichen wie auch zur ostasiatischen Kultur. Die wenigen Aufführungen von Yuns Kompositionen in Südkorea gehen vor allem auf den deutschen Kulturmanager Florian Riem zurück, der sich mit dem Tongyeong Music Festival entgegen der politischen Ausrichtung Südkoreas dafür einsetzt, Yun weiter öffentlich zu spielen. So finden elf der siebzehn Aufführungen in Südkorea innerhalb der wenigen Festivaltage in Tongyeong statt.

„Fast jeder Südkoreaner kennt Yun, aber weil auch Nordkorea ihn für sich beansprucht, kann die Regierung Südkoreas den Komponisten nicht unterstützen. In beiden Ländern geht es letztendlich immer um Propaganda.“

Auch in Deutschland wird Yun nicht mehr viel gespielt. Fast zeitgleich zum Festival in Südkorea findet hier das Festival Heidelberger Frühling statt, bei dem immerhin in drei Konzerten Werke Isang Yuns gespielt werden. Ein „generelles Missverständnis“ nennt der Cellist Enders die Beziehung der deutschen Musiker zu den Werken des koreanischen Komponisten. Yun habe immer versucht, ostasiatische Klänge in die westliche Notenschrift zu übertragen. Sich bei der Aufführung streng an den Notentext zu halten, ohne jegliches Wissen der koreanischen Spielpraxis, komme also der Musik nicht bei. Enders erklärt das Fehlen von Yuns Werken auf den Spielstätten hierzulande damit, dass sich die Musik westlichen Interpreten und dadurch selbstverständlich auch den Hörern schwer mitteilt: „Genauso wie Korea kann man aber auch Deutschland und gerade Berlin in der Pflicht nehmen, sich stärker für die Musik Yuns einzusetzen, denn schließlich hat er hier fast die Hälfte seines Lebens als Deutscher verbracht, hat hier gearbeitet und liegt auch hier begraben.“
In Gegensatz zu Südkorea hält man in der Diktatur in Nordkorea sein Erbe hoch. Eine Konzerthalle und ein Ensemble tragen dort seinen Namen. Wie viel Yun aber tatsächlich in Nordkorea gespielt wird, lässt sich schwer sagen. Klar ist nur,  dass er dort als Nationalkomponist gilt – auch wenn er selbst Komponist aller Koreaner sein wollte.

Ein kleiner Tribut in Tongyeong, Yuns Geburtstadt: Sein Haus aus Berlin wurde nach seinem Tod hier aufgebaut. © Eleonore Büning/twitter

„Yun war traumatisiert von seiner Heimat, weil er nicht zurück konnte. Er konnte sich weder mit dem einen, noch mit dem anderen Korea identifizieren. Trotzdem reklamieren beide ihn für sich. Die Musik aber spricht deutliche Worte: Er hatte nichts anderes als Heimweh! Das haben die Koreaner überhaupt nicht verstanden. All die traditionellen Elemente sind eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass er seine Sehnsucht nach einer geeinten koreanischen Heimat nicht ablegen konnte.“

Isang Yun, der Heimatlose, der auf dem Papier drei Staatszugehörigkeiten besaß, ist bis heute Nationalkomponist zweier verfeindeter Länder. Ein absurder Widerspruch! Auch im Westen, wo sich einst die gesamte Musikwelt für ihn eingesetzt hatte, spielt Yun heute kaum eine Rolle mehr. Nur sehr wenige Personen weltweit sorgen noch dafür, dass Yun überhaupt aufgeführt wird. Der Motor des Klassikbetriebs hat diesen Komponisten jetzt kurz noch einmal ausgespuckt, ihm auch für einige Monate hier und da eine kleine Bühne errichtet. Unwahrscheinlich, dass sich dadurch etwas ändern wird an der Situation.  Nur ein wenig Zuversicht spricht aus der Stimme von Isang Enders, wenn er zugibt, dass ein möglicher Regierungswechsel in Südkorea die Position Yuns vielleicht verändern könnte. Nach einer erst kürzlich abgesetzten Präsidentin bleibt immerhin ein Hoffnungsschimmer.

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