Kontrolle und Leidenschaft

Volker Jacobsen hat mit den Stipendiaten das f-moll-Klavierquintett von Johannes Brahms einstudiert. Mit grandiosem Ergebnis.
4. April 2017
Von Maximilian Rosenthal
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Im Frühling wachsen Spargel und Stipendiaten, und die Ernte am 20. April ist beeindruckend. Nach dem Mittagskonzert der Kammermusik-Akademie des Heidelberger Frühling 2017 steht den Besuchern auf dem Weg nach draußen der Sinn eigentlich nur noch nach einer Kleinigkeit. Nachtisch oder dergleichen.

Das Klavierquintett op.34 von Johannes Brahms beschließt die Tage der Zusammenarbeit der Stipendiaten mit den Mentoren Igor Levit, Daniel Müller-Schott und Volker Jacobsen. Sie haben einiges erreicht. Was, das zeigen sie in diesem Abschlussstück, dem einzigen Programmpunkt, dramatisch und groß gedacht. Und was für ein Spannungsbogen!

Unter Anleitung von Jacobsen (Viola), der im positiven Sinne unauffällig bleibt, spielt die Formation, die im weiteren aus Milena Wilke (Violine), Christina Brabetz (Violine), Valentino Worlitzsch (Violoncello) und Elisabeth Brauß (Klavier) besteht, in guter Abstimmung und vollendeter Harmonie.

Schon der Unisono-Anfang des Stückes oder die durch ungarische Volksliedmelodien inspirierte Thematik im Schluss-Satz stiften den Schein von Eingängigkeit. Sie lade n dazu ein, dick aufzutragen. Aber genau das vermeidet das Ensemble, bei aller Leidenschaft. Es hält sich zurück, baut die Musik besonnen auf, so, dass nicht nur orgastische Augenblicke entstehen, sondern alle Teile aufgehen im organischen Ganzen. Auch in aufgewühlten Passagen ist die Kontrolle fast perfekt, allenfalls der homophone Satz des Scherzo-Themas hätte ein klein wenig mehr choralhafte Klarheit vertragen können. Es bleibt der Gesamteindruck von Zusammenhang, Organik und, im besten brahmsischen Sinne: Konstruktion. Es gibt keinen Moment, an dem die Musiker nicht im Stück sind, und das Publikum mit ihnen.

Durch die starke rhythmische Gestaltung des Werkes getrieben, bestechend präzise gespielt, arbeitet sich das Ensemble durch die Sätze, es weiß genau, wie sie zu formen sind, damit die Zuhörer gebannt sind, bis hin zu den offenen Satzenden und darüber hinaus: Auch in den Satzpausen ist es sehr still. Wie es das Stück verlangt, scheint nach dem rasanten Scherzo und der sehr intimen Einleitung zum Schluss-Satz das Thema desselben zunächst nicht entschlossen genug. Doch seine Wiederholung macht deutlich: Da ist er wieder, der Spannungsbogen!

Und ist so gelungen aufgezogen, dass auf den Scheinschluss vor der Coda sogar jene hereinfallen, die das Stück schon kennen, und entlädt sich mit so ungeheurer Intensität, dass man aufspringen möchte, als es vorbei ist, und kann es nicht, weil man einen Block auf dem Schoß hat, und man kritzelt hektisch, um die Eindrücke festzuhalten, und am Ende weiß man nur noch, dass das eine reife Performance war, reif für größere Bühnen. Das Publikum ist aufgewühlt. Glück, Gejohle – und ein paar Laute des Bedauerns, als das Quintett keine Zugabe mehr zu bieten hat. Auf dem Weg nach draußen sagt jemand: „Ne kleine Zugabe hätten sie ja doch geben können. So ein kleines Tänzchen oder so.“ Nachtisch eben.

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