Von Ricarda Baldauf
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Babys, Freaks, Omas, Hunde: Sie alle kuscheln in ihrer eigenen Klassiknische. Mit maßgeschneiderten Happening-Konzerten bleibt heute niemandem mehr der Zugang zu den Tempeln der Hochkultur verwehrt. Und inzwischen wurde auch der Workaholic von ausgefuchsten Marketing-Köpfen mit einem Konzertformat beschenkt: dem „After Work Concert“.
Der Heidelberger Frühling veranstaltet in diesem Jahr gleich fünf Events dieser Art. Endlich muss sich die chronisch gestresste Spezies nicht mehr länger nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Firma mit ihrem Glas Weißweinschorle vor die Glotze hocken. Sie kann in einem weitaus stilvolleren Ambiente relaxen. Beschallt wird sie dabei von auffallend jungen Künstlern: etwa von dem Pianisten Till Hoffmann, „erst zwanzig Jahre“ alt, der „bereits Preise in zweistelliger Zahl gewonnen“ hat, wie es im Programmbuch heißt; oder vom „Mittzwanziger“ und Cembalisten Jean Rondeau; oder dem „jungen belgischen Klarinettisten“ Pierre Xhonneux, dessen Programm „great fun“ verspricht.
Der Trend ist nicht neu: Schon seit einigen Jahren lockt das Leipziger Gewandhausorchester all jene, die sich „im direkten Anschluss an die Arbeit“ nicht gleich in den „hektischen Berufsverkehr“ stürzen möchten. Neben leichten Snacks gibt es Getränke und Cocktails. Angesäuselt von Caipi & Hugo, rauschen Mozart & Schubert gleich viel leichter durch die Gehirnwindungen des Arbeitstiers. Auch Concerto Köln lässt sich nicht lumpen und schafft mi einem Meet & Greet einen Rahmen, „um mit Kunden und Kollegen in entspannter Lounge-Atmosphäre fernab des Büros ins Gespräch zu kommen“, bevor es dann „AfterWorkCLASSIX“ mit Händel, Bach & Telemann zum Besten gibt.
It’s magic! Die zwei Zauberwörtchen „after work“ machen es möglich: Entspannung vom Feinsten, ohne schlechtes Gewissen – das ist nun endlich auch im hochkulturellen Elfenbeinturm erlaubt. Tagesausklang mit Musik, die durch die Umstände als Geklimper und Gedudel verramscht wird. Die armen jungen Interpreten!
Genau das Gegenteil fordert der Konzertveranstalter Klaus Lauer, ausgezeichnet mit dem diesjährigen Musikpreis des Heidelberger Frühling: den Schubs aus der Komfortzone. Kultur sei niemals Wellness, sagt der Intendant der Badenweiler Musiktage bei der Preisverleihung, sie strengt uns an, sie verändert uns. Er wird dafür gefeiert. Wie bitte? Ernste Töne zum Feierabend? Den Workaholic dürfte das einigermaßen verwirren. Von den Babys und Hunden ganz zu schweigen.

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