Von Ricarda Baldauf
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Jede Musik ist anders besetzt in diesem Konzert. Das ist fast schon normal, jedenfalls in Heidelberg, beim Frü hling. In den Kammermusik-Recitals kann man hier öfters Stücke hören, die man eigentlich sonst nur von CD, aber kaum aus dem Konzertsaal kennt. Warum? Weil ungewöhnliche Musikerkonstellationen gefragt sind, für die der Konzerveranstalter nicht einfach feste Ensembles buchen kann. Was das betrifft, ist die Kammermusik- Akademie des Frühlings aber gerade in ihrem Element.

Im Mittagskonzert stehen die Vier Stücke für Viola und Klavier von Robert Schumann neben „Rencontre“ für Klavier, Cello und Klarinette von Isang Yun, zum Abschluss gibt es Franz Schuberts „Forellenquintett“. Hier trifft die Bratschistin Hiyoli Togawa, Alumna der Kammermusikakademie, auf die Stipendiatin und Pianistin Annika Treutler in Schumanns „Märchenbildern“. Keine Programmmusik, sondern vier Stücke von 1853, die den damals omnipräsenten Märchen à la Gebrüder Grimm huldigen, bewusst volkstümlich und eingängig. „Kinderspäße, es ist nicht viel mehr damit“, nannte der Komponist selbst seine Kreation. Vom kindlichen Schabernack spürt man freilich wenig, die Interpretation wirkt blass. Doch zum Ende des vierten Stückes taucht ein bis dahin unerhörter Klangfarbenklecks von inständiger Melancholie auf. Bitte mehr davon!

Folgt ein Sprung ins zwanzigste Jahrhundert, zum 1986 uraufgeführten „Rencontre“ des koreanischen Komponisten Isang Yun, passend zum Konzertmotto „Begegnungen“. Unglaublich, wie diese drei Musiker komplette Klangwelten konstruieren: der Alumnus Han Kim an der Klarinette, die aufstrebende Pianistin Elisabeth Brauß, der Cellist Isang Enders. Da prallen aberwitzige Klarinetten-Triller auf endlose Glissandi des Cellos und kurze, heftige Akkordeinwürfe des Klaviers. So viel Bewegung! Kein einziger Ton wirkt statisch in diesem steten Fluss, dazwischen gibt es immer wieder harmonische Ankerpunkte, wenn sich die Stimmen für einen sehr kurzen Moment treffen, bis sie wieder ausschwärmen in verschiedene Richtungen. Der langsame Teil des Stückes ist aus den gleichen Klangteilchen geformt, doch sie werden genauer betrachtet, dehnen sich aus, wie in Zeitlupe. Atemraubend. Am Ende bleibt das Gefühl, ein und dieselbe Sache in nur fünfzehn Minuten von unglaublich vielen Perspektiven betrachtet zu haben.

Im „Forellenquintett“ A-Dur von Franz Schubert hätte Lisa Batiashvili mitspielen sollen, krankheitsbedingt hat siekurzfristigabgesagt.SiewirdvertretenvonBenjaminBeilman,Mentorder Kammermusikakademie,derals Geiger in den USA gerade steil Karriere macht und sich über den musikalischen Ausdruck vor allem einig scheint mit Akademie-Leiter Igor Levit am Klavier. Er hat, besonders ab dem vierten der fünf Sätze, mit seiner Intonation zu kämpfen. Nur wenig besser geht es an diesem Abend dem Cellisten Daniel-Müller Schott, der in seinem Spiel eher für sich bleibt. Beeindruckend, neben der verlässlichen Grundierung des Kontrabassisten Janne Saksala, wie das gesamte Ensemble nach der überbordend leidenschaftlichen Darbietung zur Ruhe kommt, sinnierend, innig. Sie sind ganz beieinander, sind sich in der Musik begegnet.

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