Von Ricarda Baldauf
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„Ein Publikum abgestochener Schweine!“, zürnt der Komponist Benjamin Britten. Die Uraufführung seiner Oper „Gloriana“ 1953 ist ein Desaster: Musikkritiker Donald Mitchell berichtet von einem flauen Applaus, „zusätzlich gedämpft vielleicht, da so viele Hände behandschuht waren“. Die feine Londoner Gesellschaft findet das Werk unwürdig. Es war für die Krönungsfeier von Elizabeth II. in Auftrag gegeben worden, jedoch rückt Britten deren Ahnin Elizabeth I. in den Mittelpunkt: Allerdings erstrahlt „Gloriana“ nicht im Glanz des Elisabethanischen Zeitalters, das Stück zeigt stattdessen das Innenleben einer Frau, die mit ihrer Rolle als Staatsoberhaupt hadert. Getöse und Trompetenfanfaren klingen zwar majestätisch. Für die Festgesellschaft ist die Darstellung der Zerissenheit einer Monarchin doch allzu aufgeklärt.

Mitten in diesen Tumult fällt die Entstehung von Brittens „Winter Words“ op.52. Ein intimer Liederzyklus: Was für ein Gegensatz! Als wären diese Stücke eine Art künstlerische Katharsis, in denen sich Britten vom königlichen Auftragswerk wieder erholt. Er reduziert seine Musiksprache in den Liedern drastisch, verwendet nur das nötigste musikalische Material. Die Vertonung der melancholischen Gedichte von Thomas Hardy widmet Britten seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears. Nur wenige Monate nach der Krönung führen die beiden den Zyklus erstmals beim Leeds Festival auf.

Sehnsucht nach Schönheit

In den fünfziger Jahren steht Homosexualität noch immer unter Strafe. Es droht Zuchthaus, gleichgeschlechtliche Liebe gilt als Verstoß gegen die Sittlichkeit. Zwar war Britten schon längst von der englischen Kulturelite zum Nationalhelden erkoren worden, als ein zweiter Orpheus Britannicus, dreihundert Jahre nach Henry Purcell, doch auch das schützt ihn nicht. So muss er sich einer Untersuchung durch die Londoner Polizei unterziehen. Nach dem scheinheilig „Interview“ genannten Verhör bei Scotland Yard ist Britten verstört, er zieht sogar eine Scheinehe in Betracht, um seinen Geliebten zu schützen. In England bleibt es bei staatlicher Nötigung, doch die USA greifen härter durch: das FBI verhängt ein „Einwanderungsverbot“ gegen das Paar. An der Liebe ändert das nichts.

© flickr.com/SEGHIZZI

 

My darling heart (perhaps an unfortunate phrase, but I can’t use any other) … I do love you so terribly, not only glorious you, but your singing. … What have I done to deserve such an artist and man to write for? I had to switch off before the folk songs because I couldn’t [take] anything after the „how long, how long“. How long? – only till Dec. 20th – I think I can just bear it.
But I love you, i love you, I love you.
Brief von Britten an Pears (1974)

 

 

Pears antwortet: „I am here as your mouthpiece and I live in your music“. Sein Sprachrohr, seine Muse und lebenslanger Partner bleibt Pears bis zu Brittens Tod 1976. Für ihn entsteht Musik aus innerer Notwendigkeit, die sich immer wieder aus den gleichen Themenfeldern speist: Schönheit der Jugend, Gefährdung der Unschuld, das Sehnen nach unbefleckten Welten. Thomas Hardys Worte sind für „Winter Words“ das perfekte Material . Im letzten Lied erinnert sich das lyrische Ich an jene Zeiten, bevor die „Krankheit des Gefühls“ keimte, getragen von prozessionsartigen Dreiklängen des Klaviers. Der Poet und Sänger sehnt sich nach einem kindlichen Urzustand. Immer drängender schraubt sich die Melodie in die Höhe, bis sich die Verzweiflung in dem Ausruf „How long?“ entlädt. Fünf Mal.

Die königliche Hand

In seinen Konflikten zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Innen und Außen, zwischen Seele und Schein, hatte Britten jedoch eine prominente Fürsprecherin: die Queen. Immer wieder hält sie ihre schützende Hand über ihn. Auch das Debakel um „Gloriana“ ändert daran nichts. Vielleicht hat sie Brittens Blick hinter die königlichen Fassaden sogar gemocht:  Ausgehend von Lytton Stachleys „Elizabeth and Essex: A Tragic History“ von 1928, begegnet man in der Oper der Königin Elizabeth I. fernab von Turnieren, Regierungsgeschäften, Banketten und Parkvergnügen. Einer Frau, die im England des späten sechzehnten Jahrhunderts ihre moralischen Prinzipien nicht mit der Zuneigung zum Earl of Essex vereinbaren kann, woran sie letztlich zu Grunde gehen wird.

Jahrhunderte später wird Elizabeth II. in einem hellen Kleid und mit Blumenschmuck im Haar, Seite an Seite mit dem Nationalkomponisten, beide lächelnd, abgelichtet. Für das von Britten und Pears gegründete Festival eröffnet sie 1967 einen neuen Konzertsaal in Aldeburgh, Suffolk, die „Snape Maltings Concert Hall“. Auch, als diese Halle noch einmal eingeweiht wird, nachdem sie wieder errichtet werden musste, nach einem Gebäudebrand, ist die Queen vor Ort.

Britten und Pears in Snapes, 1975 (© Victor Parker – Photo courtesy of the Britten-Pears Foundation)

In seinem letzten Lebensjahr erhebt die Queen Britten, den Nationalkomponisten, in den Adelsstand und ernennt ihn zum „Baron Britten, of Aldeburgh in the County of Suffolk“.  Wenig später stirbt er im Alter von dreiundsechzig Jahren an Herzversagen. Obwohl sonst nur eingetragene Ehepartner nationaler Berühmtheiten Beileidsbekundungen aus dem Buckingham Palace erhalten, schreibt die Königin einen offiziellen Kondolenzbrief an Pears. Eine letzte, vielleicht die wichtigste königliche Würdigung der nationalen Verdienste des „Orpheus Britannicus II“. Denn dies ist vor allem ein Bekenntnis zum Individuum Benjamin Britten, eine Akzeptanz als Mensch und Mitbürger.

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