Von Sophie Emilie Beha
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Steven Walter, du bist Musiker und Konzertmanager. Was erwartet dich nach dem Frühstück: Cello oder Laptop?

Eher das Cello, denn Musik machen ist für mich ein Morgenritual. Danach ist es mir sehr wichtig, dass ich am Anfang des Tages Zeit habe für künstlerische, konzeptionelle Arbeit. Ich höre Musik, denke mir was aus, schreibe irgend etwas, was ich schreiben wollte. Mein Motto ist: Keine Mails checken vor elf Uhr.

Ziehst du aus diesen morgendlichen Ritualen dann auch deine Inspiration für Programme?

Klar. Letzendlich aber geht es nicht so sehr darum, Inspirationen zu finden, als vielmehr, sie umzusetzen. Zehn Prozent sind Inspiration, neunzig Prozent sind Perspiration, also Schweiß und Arbeit. Inspiration stellt sich ein oft an den ungewöhnlichsten Orten und Zeiten, das passiert nicht unbedingt am Schreibtisch. Aber die Umsetzungsqualität ist entscheidend. Man muss viel herumfahren, begeistern, überzeugen, schreiben. Natürlich ist das profan, aber in alldem steckt auch die Kunst. Denn Kunst ist nicht nur ätherisch und weltabgehoben. Sie besteht genausogut darin, einen Sparkassenvorstand zu überzeugen, die lokale Buchhandlung zu begeistern oder mit Musikern zu sprechen. Kunst ist überall.

In deinem Projekt „dichter_lieben“ kommt die Figur Tonio Kröger aus einer Novelle von Thomas Mann vor. Ein Künstlertyp, der sich ziemlich unverstanden fühlt von den Menschen und lange braucht, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Kannst du dich mit ihm identifizieren?

(lacht) Ja, sogar sehr… obwohl, eigentlich nicht wirklich. Wenn ich das jetzt lese, dann wird da ein Gegensatz aufgemacht, der total stilisiert ist, auch mit Absicht von Thomas Mann. Dieser Gegensatz von Natur und Geist, Bürgerlichkeit und Künstlertum. Es werden überspitze Bilder generiert. Trotzdem hat mich dieses Werk total geprägt wie wenige andere Texte, es bringt die Plexiglasscheibe zwischen einem selbst und der Welt sehr gut zum Ausdruck: Dieses Gefühl der Separation, dass man sich nicht mit seiner Umwelt verbinden kann, wie es nicht nur jeder Künstler, sondern jede feinfühlige Person vom Schulhof kennt. Die Unmöglichkeit, sich im Alltag auszudrücken – mit allen Nebenwirkungen.

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