Von Karl Ludwig
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Weintrinken ist nicht nur einer der wenigen erträglichen Modi des Menschseins, das Kultivieren wilder Reben stellt das Herz von Kultur dar. Nichts liegt daher näher, als die Betrachtung der „Eigen-Arten europäischer Kultur“, derer sich der Heidelberger Frühling versichern möchte, mit einem Blick ins Glas zu verbinden. Der Intendant des Festivals, Thorsten Schmidt, schreibt im Editorial: „Wir sind Deutsche, Europäer, Teilhaber der westlichen Kultur- kurzum: Wir sind Kinder der Aufklärung. Wir teilen gemeinsame Werte.“

Wir Weintrinker wollen uns die Namen der Vorväter also einmal auf der Zunge zergehen lassen. Prüfen wir die im „jahrhundertelangen Prozess“ gereiften feinsten Tropfen „europäischer Identität“ und spüren die „sozialen, regionalen“ Noten im Abgang. Da präsentiert sich der Jahrgang 1784 (Kant) mit einem ausgewogenen Bouquet von Freiheit, gereift auf mineralreichen Böden von Individualität und Vernunft. Eine kräftige Nase aufklärerischer Prinzipien verspricht reiche Textur: rotes Beerenaroma von Gleichheit, luftiger Körper von Frieden, Spuren von Toleranz und Nächstenliebe schmeicheln dem Gaumen. Dies alles in einer fein balancierten Struktur von Demokratie, die überleitet in das grandiose Finish: ein Feuerwerk an kolonialen Spitzen, rassistischer Würze und paternalistischer Stiche, umhüllt von einem sanften Nachhall allumfassender Menschenrechte.

Alles in allem ein Korpus also, den zu besingen es lohnt. Bei der Erkundung westlicher Kulturböden sollten wir jedoch auch den kraftvollen 1776er (Independence Day) nicht außer Acht lassen, der durch seinen träumerisch visionären Charakter überzeugt. Auch der 1789er (Bastille) ist natürlich unumgänglich – liegt jedoch etwas schwer im Magen. Vielleicht lassen wir uns also von den Gaumenhöhen eines 1848er verführen und balancieren ihn mit der pragmatischen Kühle eines hundert Jahre jüngeren (Stunde Null). Unversehens liegen wir einander in den Armen, singen Lieder und gehen aufgeklärten Geistes… ja, wohin? Nachhause?

Eigenartig. Im Rausch dieser „internalisierten westlichen Werte“ finde ich die Straßen verlassen vor. Außerhalb des exklusiven Zirkels aufgeklärter Nasen in den Gläsern der Vergangenheit begegnet mir niemand mehr. Waren wir nicht alle eben noch geborgen im Umfeld einer geteilten Geschichte? Hatte nicht der Ausflug in die Weinstube ein Wir geschaffen und habe ich nicht darin meine Identität entdeckt?

Vielleicht konstituiert sich Identität ja nicht im Abgleich von Identischem, sondern im Umgang mit Differenz. Der palästinensische Dichter Mahmoud Darwish beschreibt eine Alltagsszene: „Er trinkt seinen Tee mit Zitrone / Ich trinke meinen Kaffee / (das unterscheidet uns)“. Jede Beschreibung ist Begegnung mit anderem, denn wer beschreibt, der beobachtet, er lässt gewähren, bleibt offen – und wundert sich, eventuell. „Ich bewege mein linkes Bein / Er bewegt sein rechtes Bein / Ich summe eine Melodie / Er summt ein ähnliches Lied“.

Wer beobachtet, der entdeckt Unterschiede – und sich selbst im Anderen: „Er ist Spiegel und Blick / Blick und Spiegel bin ich“. Identität liegt nicht in einer tiefen, nur jedem Individuum selbst zugänglichen Vergangenheit verborgen. Gerade um meine Eigenheiten zu verstehen, brauche ich das fremde Gegenüber. Und plötzlich kann ich mich nicht mehr auf mich verlassen: Das schafft Unsicherheit. „Ich denke: Vielleicht ist er ein Mörder oder jemand / Der mich für einen Mörder hält / Er hat Angst / Ich auch“.

Bei Weinproben gibt es zwei nützliche Requisiten: den Spuckeimer, der dem Rausch vorbeugt, und eine Augenbinde, die das Etikett verbirgt. Letztere könnte zudem dazu verleiten, aufzuhorchen. Auf die Angst! Auf den Anderen!

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