Von Karl Ludwig
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Der große Saal der Stadthalle ist zu klein, wenn Igor Levit das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms spielt. Ausverkauft bis auf den letzten Sitzplatz, im Rang stehen die Besucher, dreireihig. Was das Publikum erwartet, spiegelt sich in Levits knapp angedeuteter Verbeugung:  Spannung, von den Fuss- bis in die Haarspitzen.

Seine Partner sind das Zürcher Tonhalle-Orchester und Lionel Bringuier.  Sie eröffnen, in irrem Dröhnen beschwören die Bässe die nebelige Atmosphäre eines russischen Romans herauf. In den hohen Streichern ist die Wärme der Sonne hinter den Wolken zu ahnen. Dann ein Sonnenstrahl, der Held tritt auf. Hingegeben und doch zurückhaltend gibt Levit jedem Ton des ersten Klavierthemas Leben, formt die Töne zur Melodie, die mündet in kreischenden Oktavtrillern. Das funkelt und blitzt und strahlt hervor aus dem gut balancierten Orchester.
Die aufrechte Haltung des Dirigenten, der kaum den Oberkörper bewegt, tut auch dem Tempo gut und ermöglicht es dem Pianisten, in der choralartigen Passage auch ohne Orchester aufrecht zu schreiten und zugleich mit den rhythmischen Aspekten des Stücks zu interagieren. Etwas arg brachial geraten die Orchesterakkorde gegen Ende des ersten Satzes.
Den zweiten eröffnet klagend das Fagott mit Geigen und Celli. Levit hört zu. Dann spielt er. Es klingt so einfach. Legt seine linke Hand, sofern sie frei ist, auf den Klavierdeckel, zeichnet  und gestaltet dergestalt die Linie der rechten mit nach: ein Zauber der Oberfläche, der dann in den folgenden Trillern zu selten gehörter Klanglichkeit gerät. Irreal und weit von dem, was man „Anschlag“ zu nennen pflegt, verschmelzen die Wechselnoten zu einem hohlen, schwingenden Ton, der aus sich heraus Körperlichkeit entwickelt. Die Holzbläser scheinen seltsam entfernt an diesem Abend, was auch wohl an Bringuier liegen mag, der mit seinem armlastigen Dirigat vor allem den Streichern zugeneigt ist.

Auch im letzten Satz, dem Rondo, in dem der Pianist das forsche Tempo angibt, schleppt hin und wieder das Orchester. Aber Levit beglückt durch immer neue Varianten von Trillern, und zum Schluss haben sich auch Bringuier und seine Musiker wieder eingefunden. Edward Elgars „Enigma Variationen“ erklingt im zweiten Teil des Konzerts. Es handelt sich um ein Werk, das zu Pathos und Schmelz neigt und liebevoll, mit viel Witz, den Lebenskreis des Komponisten beschreibt – von den Häuslichkeiten bis zu den Musikerfreunden. Hier zahlt sich die Gradlinigkeit und Agilität des Dirigenten aus. Auch die Musiker haben sichtlich Spaß. Und weil es so schön war, wird die Nimrod-Variation gleich noch einmal gespielt, als Zugabe.

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